Psychologe im AZ-Interview Mörder von Krailling: "Es ging ihm ums Vernichten"

Wie tickt der mutmaßliche Täter? Interview mit dem Kriminalpsychologen Christian Lüdke

 

AZ: Herr Dr. Lüdke, wie ist es denkbar, dass ein Vater von vier Kindern seine eigenen Nichten tötet?

DR. CHRISTIAN LÜDKE: Das passt ins Bild dieses Falles. Alles deutete ja auf eine Beziehungstat hin.  Was geht in der Psyche eines solchen Mannes vor? Er hat vermutlich eine große Kränkung und Zurücksetzung erlebt: Erdrückende Schulden, die Ehefrau und ein Kind krank. Er wollte Hilfe von der Schwester seiner Frau, die verweigerte das. Das hat ihn wütend und aggressiv gemacht. Normale Menschen können solche Gefühle kontrollieren. Dieser Mann hat mutmaßlich eine schwere Persönlichkeits- und  Kontrollstörung.

Wie entsteht so etwas?

Da kann man im Moment nur spekulieren. Vieles spricht dafür, dass er große Ängste hatte. Dass er alles, was um ihn herum geschah, extrem auf sich bezogen hat und wie in einem Beziehungs-Wahn gelebt hat. Denken, Fühlen und Handeln haben sich krankhaft entwickelt. In seinem Kopf hat sich eine völlig verquere Realität aufgebaut. Er mag sich gedacht haben: Ich verliere, was mir am liebsten ist, also nehme ich dir, was dir am liebsten ist.

Rache an der Schwägerin?

Hass, Wut, Sozialneid und der Gedanke, dass sein Leben auseinander bricht, während es der Schwägerin bestens geht.

Warum hat er nicht sie getötet, sondern ihre unschuldigen Kinder?

Weil er sie damit noch viel mehr trifft, sie muss ja mit dem Verlust weiterleben. Solche Menschen glauben, dass das in Ordnung ist, so zu töten. Die primitive Art seiner Vorgehensweise spricht auch nicht für große Intelligenz.

Weshalb dieses besonders brutale Vorgehen?

Es ging ihm nicht nur ums Töten, es ging ihm ums Vernichten: Ich zerstöre dein Leben für immer.

War das eine Tat im Affekt – oder lang geplant?

Er muss das vorher geplant haben – vielleicht über Wochen. So eine Aggression baut sich langsam auf. Der Mann wird diese Morde in seiner Fantasie lange durchgespielt haben.

Hätten die Ehefrau, die Familie, das Umfeld, nicht merken müssen, was in ihm vorgeht?

Nein. Solche Menschen wirken nach außen oft nur verschroben oder seltsam, in Teilen aber auch ganz normal. Sie teilen ihre Fantasien nicht mit.
 

Warum wacht so ein Mensch nicht, während er zuschlägt, auf – und erkennt, was er anrichtet?

Solche Täter agieren wie von Sinnen. Sie erzählen später oft, sie hätten während der Tat einen Zustand der inneren Leere erlebt. Erst wenn sie rauskommen, wachen sie wie aus einem Blutrausch auf.

Thomas S. hat eine Speichelprobe abgegeben. Die Mordwaffen – Hantel und Messer – lagen am Tatort. Wollte er gefasst werden?

Ich denke, der Mann wusste tief im Inneren, dass er etwas Unrechtes getan hat. In seiner Wahrnehmung hatte er nichts mehr zu verlieren. Es war ihm egal, ob er gefasst wird oder nicht.

 

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