Psychoanalytiker Maaz zu Depressionen Sind die Mütter am Burn-Out schuld?

Kinderkrippe: Fremdbetreuung erst ab drei Jahren? Foto: Susanne Stephan
 

MÜNCHEN Er leitete zu DDR-Zeiten die Psychosomatische Klinik der Diakonie in Halle. Kurz nach der Wende brachte er ein Buch heraus, das sich unter anderem mit den Folgen der Krippenerziehung in Ostdeutschland beschäftigte. Heute schreibt Hans-Joachim Maaz über Narzissmus und Gier in der Gesellschaft.

AZ: Depression und Burn Out stehen heute mit an oberster Stelle der Krankheiten, die Beschäftigte plagen. Haben wir in Deutschland eine Generation von narzisstisch gestörten Arbeitnehmern?

HANS-JOACHIM MAAZ: Das grundlegende Problem ist, dass Menschen in ihrer frühen Entwicklung nicht ausreichend angenommen, gemocht, bestätigt wurden. Deutschland ist durch die Kriegsfolgen besonders belastet gewesen, so dass wenig Raum und Zeit für die Kinder war. Das ist ein narzisstischer Mangel. Kinder glauben dann, sie seien nicht liebenswert genug. Eine prägende Erfahrung, die sich auch im Gehirn abbildet. Der Mensch meint, er müsse etwas Besonderes leisten, um doch noch Anerkennung zu erhalten. Das bleibt aber eine Illusion, weil man den frühen Mangel nicht im Nachhinein auffüllen kann. Das führt dazu, dass sich Menschen übermäßig anstrengen, bemüht bleiben, zu beweisen, dass sie wertvoll sind. Das ist eine der Quellen von Burn-Out.

Welche Handlungsanweisungen lassen sich daraus für Betroffene und für Betriebe ableiten?

Zunächst ist es wichtig, dass jemand erkennt, dass er in Gefahr ist, sich zu überfordern. Das bedeutet auch, zu lernen, sich zu entspannen. Das gelingt häufig erst dann, wenn der eigentliche Mangel akzeptiert werden kann. Das ist eine bittere Pille, die man schlucken muss. In der Regel versucht man, das zu verbergen, auch vor sich selbst. In Firmen wäre es hilfreich, wenn Kollegen und Vorgesetzte erkennen können, dass Menschen Gefahr laufen, sich zu übernehmen. Es wäre eine moralische Anforderung an Führungskräfte, nicht zu viel von Menschen zu verlangen.

Einmal weg von der individuellen Ebene: Wir haben zurzeit inflationäre Tendenzen an den wichtigsten Börsen der Erde. Sehen Sie da eine Korrelation zum weit verbreiteten Narzissmus?

Banker haben eine besondere moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass narzisstische Bedürftigkeiten nicht wuchern. Die Zockereien an den Börsen sind nach meiner Einschätzung auch ein narzisstisches Problem. Politik wird zum Teil getragen von narzisstischen Bedürfnissen – dazu gehört auch, dass Menschen sich selbst überhöhen und andere abwerten. Das ist eine große Gefahr bei Bankgeschäften. Da wird rationalisiert, es werden Gründe gefunden, die einleuchtend klingen. Aber das eigentliche Motiv bleibt verborgen oder wird in der Wettbewerbsgesellschaft sogar kultiviert.

Vor Kurzem ist das Betreuungsgeld in Kraft getreten. Das ist aus Ihrer Sicht dann wohl das richtige Signal an die Gesellschaft?

Ja, denn es ist verkehrt, die frühe Betreuung der Kinder den Eltern wegzunehmen. Aber die Höhe des Betreuungsgeldes ist lächerlich. Wenn ein Krippenplatz 1600 Euro im Monat kostet – warum gibt man dann dieses Geld nicht den Eltern, damit die ihr Kind betreuen können? Für mich ist die Diskussion über die frühkindliche Betreuung eine verhängnisvolle Fortsetzung der Verhältnisse in der DDR. Ich habe 1000-fache Folgen der Menschen zu therapieren gehabt, die zu früh in den Krippen von den Eltern getrennt waren. Da erleiden die Kinder in der Regel traumatische Erfahrungen. Das wird erst anders, wenn das Kind drei Jahre alt ist. Dann braucht das Kind auch soziale Kontakte.

Was raten Sie dann Frauen, die ihr Einkommen und ihre Karriere nicht aufs Spiel setzen wollen, auch wenn ein Kind kommt?

Die Politik müsste Familien hinreichend unterstützen, so dass Vater oder Mutter zuhause bleiben können, ohne ihre Karriere und den Wohlstand zu gefährden. sun

 

0 Kommentare