Prozess gegen OEZ-Waffenhändler Hinterbliebene fassungslos: "Nur acht Monate für jeden Toten!"

Voraussichtlich am Freitag fällt das Urteil gegen Philipp K. (33). Foto: dpa

Der Prozess gegen den Waffenhändler des OEZ-Attentäters nähert sich dem Ende. Die Hinterbliebenen üben scharfe Kritik am Staatsanwalt.

 

Ihr Leben wird nie wieder so sein wie zuvor. Alles Lebendige ist nach dem Mord an ihrem geliebten Kind gestorben." Am 20. Verhandlungstag gegen Philipp K. (33), den Mann, der David S. ( † 18) die Glock 17 für den rassistischen Mordanschlag am OEZ verkaufte, hatten gestern noch einmal die Angehörigen der neun Mordopfer und Verletzten sowie deren Anwälte das Wort.

Der Vater von Selcuk († 15), schilderte, wie er kurz nach der Tat in den McDonald's gerannt war und dort die fünf erschossenen Jugendlichen vorfand, die alle zusammen an einem Tisch gesessen hatten: "Ich konnte mein Kind nicht mehr erkennen, obwohl ich sein Vater war."

Rechtsanwalt Andreas Schröger schilderte die verheerenden Folgen des Anschlags für eine Mutter: "Ohne Medikamente schafft sie es nicht, morgens aufzustehen. Sie kann nicht mehr arbeiten. Sie musste ihre Wohnung aufgeben. Sie traut sich nicht mehr aus dem Haus. Sie hat alle sozialen Kontakte abgebrochen und ist nicht fähig, sie wieder aufzunehmen."

Wusste Phillip K. von einem Amoklauf?

Die Opferanwälte forderten gestern in ihren Plädoyers mehrheitlich eine Verurteilung wegen Beihilfe zum neunfachen Mord. Rechtsanwältin Claudia Neher forderte sogar Sicherungsverwahrung. Allein die Strafe für die Waffen- und Munitionslieferung dürfe nicht unter 12,5 Jahren liegen, so die Nebenklagevertreterin.

Sie und die anderen Opferanwälte sind davon überzeugt, dass der Angeklagte wusste, dass David S. mit der Waffe töten wollte. Hatte der Linkshänder doch eine sofort und schnell einsetzbare Waffe geordert - und hunderte Schuss Munition. Eine nicht funktionstüchtige MP hatte er abgelehnt.

 Käufer und Verkäufer einte ihre rechtsextreme Gesinnung: "Der schwarze Humor des Angeklagten war nichts anderes als blanker Rassismus, blanke Fremdenfeindlichkeit und blanke Menschenfeindlichkeit", sagte Anwalt Nico Werning.

Staatsanwalt Florian Weinzierl hatte in seinem Plädoyer am vergangenen Mittwoch eine Gesamtstrafe von sieben Jahren und zwei Monaten wegen illegalen Waffenhandels, fahrlässiger Tötung in neun Fällen sowie fahrlässiger Körperverletzung in fünf Fällen gefordert. "Das sind nur acht Monate für jeden Toten!", sagte die aufgebrachte Mutter des ermordeten Can ( † 14) .

Für alle Hinterbliebenen der Mordopfer ist die Forderung des Staatanwalts zu niedrig. Cans Mutter kommentierte es mit den Worten: "Es beweist, dass Sie an der Seite des Angeklagten stehen."

"Werde erst Ruhe geben, bis ein gerechtes Urteil ergangen ist"

Sibel Leyla weiter: "Es gibt zwar ein Recht auf Rechtsprechung, aber kein Anrecht auf Gerechtigkeit. Ich werde erst Ruhe geben, bis ein gerechtes Urteil ergangen ist."

Nach Überzeugung der Opferanwälte sprechen viele Fakten für einen bedingten Vorsatz beziehungsweise dass Philipp K. die Morde billigend in Kauf genommen hat - auch ohne die belastenden Aussagen einer Familie, die Staatsanwalt Florian Weinzierl als "allesamt gelogen" weggewischt hatte.

So hatte der Angeklagte David S. drei Mal gefragt, was dieser mit der Waffe vorhabe. Der 18-Jährige hatte geantwortet, dass er "Kanaken abknallen" wollte - dies aber später zurückgenommen.

Philipp K. verkaufte sogar nach dem Massenmord am OEZ noch weiter Waffen. Rechtsanwalt Jochen Uher fasst das Motto des Angeklagten mit den Worten zusammen: „Was kümmert mich das Leid anderer Menschen, Hauptsache, der Umsatz stimmt!“

Rechtsanwalt Khubaib-Ali Mohammed forderte das Gericht auf, juristisches Neuland zu betreten und erstmals einen Waffenhändler wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen. Er verwies auf das "Raser-Urteil“: Berliner Richter hatten im vergangenen Jahr erstmals in Deutschland zwei Raser, die einen tödlichen Unfall verursacht hatten, wegen Mordes verurteilt.

Es liege am Gericht, nun ein Urteil zu fällen, mit dem kein weiterer Schaden angerichtet wird: „Übernehmen Sie Verantwortung!“, appellierte er.
Das Urteil wird voraussichtlich am Freitag gesprochen.

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