Prinzregententheater Matthias Foremny über „L’ancêtre“ von Camille Saint-Saens

Céline Akcag_und Heike Grötzinger in der Oper "L'ancêtre" im Prinzregententheater. Foto: Jean-Marc Turmes

Matthias Foremny über die Autorität von Dirigenten und eine vergessene Oper von Camille Saint-Saens im Prinzregententheater

 

Kinder kennen seinen „Karneval der Tiere“, ältere Semester die Orgelsymphonie oder „Samson et Dalila“ – die einzige der 13 Opern von Camille Saint-Saëns (1813 – 1921), die manchmal auf den Spielplänen auftaucht. Die Theaterakademie bringt nun die 1906 in Monte Carlo uraufgeführte Oper „L’ancêtre“ („Die Ahnin“) auf die Bühne des Prinzregententheaters. Eva-Maria Höckmayr inszeniert, Matthias Foremny dirigiert das Münchner Rundfunkorchester.

AZ: Herr Foremny, warum lohnt es sich, diese vergessene Oper neu zu entdecken?
MATTHIAS FOREMNY: In „L’ancêtre“ kommt alles vor: Schmetterlinge im Bauch, junge Verliebte, die Gier nach Blut und Hass. Schilderungen der Natur und Landschaft Korsikas. „L’ancêtre“ ist das klar disponierte Werk eines Opernpraktikers. Ich würde sogar sagen: Man spürt, dass Saint-Saëns einer der ersten war, der für den Film komponiert hat.

Wovon handelt „L’ancêtre“?
Die Oper spielt in der jüngeren Vergangenheit Korsikas, zur Zeit Napoleons. Es geht um Verliebte aus verfeindeten Familienclans – ähnlich wie in „Romeo und Julia“ und eine dem Hass verfallene alte Frau, die Ahnin. Das geht blutig aus.

Klingt wie „Cavalleria rusticana“ auf korsisch.
„L’ancêtre“ ist veristisch und steht in der Nachfolge dieser Richtung der italienischen Oper. Aber es eignet sich hervorragend für eine Aufführung mit jungen, lyrischen Stimmen – bis auf die Titelrolle, die wir deshalb mit Heike Grötzinger besetzt haben, einer gestandenen Sängerin.

Sie wirken sehr begeistert von dieser Oper. Trotzdem muss es einen Grund geben, wieso „L’ancêtre“ nicht einmal Experten ein Begriff ist.
Schwer zu sagen. Bald nach der Uraufführung in Monte Carlo gab es noch eine Aufführungsserie in Paris, über die unter anderem die „New York Times“ positiv berichtet hat. Begeisterung gehört zu meinem Berufsethos. Ich soll ja andere von der Größe und Qualität eines Werks überzeugen. Ich hoffe jedenfalls, dass unsere Aufführung weitere Nachahmer findet. Und was mich hier besonders gereizt hat, ist die Zusammenarbeit der Studierenden mit den Profis vom Münchner Rundfunkorchester.

Wie findet man die Noten eines vergessenen Werks?
Die Aufführung ist ein langgehegter Wunsch von Joachim Tschiedel, dem stellvertretenden Leiter des Studiengang Musiktheater/Operngesang Er hat das Stück immer wieder vorgeschlagen. Die Oper wurde 1906 gedruckt, und sie ist auch im Internet in der unter dem Kürzel ISMLP bekannte Petrucci-Bibliothek zu finden, einem Archiv für urheberrechtsfreie Noten. Ich habe in einem New Yorker Antiquariat online einen Klavierauszug der zweiten Fassung besorgt, der allerdings wegen Problemen mit dem Zoll dreimal über den Atlantik fliegen musste.

Eine Aufnahme der Oper scheint es nicht zu geben.
So ist es. Wir mussten uns „L’ancêtre“ ganz klassisch mit den Noten am Klavier erarbeiten.

Im Moment wird – ausgehend von einer Debatte über Daniel Barenboim – viel über den bisweilen scharfen Ton von Dirigenten gesprochen. Wie halten Sie das?
Ich denke nicht, dass die Götter am Pult im Interesse der Kunst alles dürfen sollten. Proben müssen meiner Meinung von gegenseitigem Respekt getragen sein – ob an der Bayerischen Staatsoper oder am Stadttheater Detmold. Hier wie da tun die Leute ihren Job. Man kennt auch nicht die Beweggründe, warum im Moment etwas vielleicht nicht so toll klingt. Ich gehe jedenfalls immer davon aus, dass alle die bestmögliche Qualität wollen. Dann wiederhole ich etwas drei- oder auch viermal und hoffe, dass es bei der nächsten Probe klappt.

Kann es in einem Orchester demokratisch zugehen?
Alle Musiker haben studiert, Wettbewerbe gewonnen und schwierige Probespiele absolviert. Jeder Einzelne im Orchester hat den Anspruch, als eigenständige Persönlichkeit mitbestimmen zu wollen. Als Dirigent muss ich ein Klima schaffen, dass jemand auch dann mitmacht, wenn er künstlerisch anderer Ansicht ist. Das erfordert Demut auf beiden Seiten. Und ich habe großen Respekt vor den Musikern, die sich mir in dem Moment anvertrauen. Denn wenn jeder macht, was er richtig findet, wird es nicht funktionieren. In der Oper ist ohnehin es rein organisatorisch wichtig, dass jemand die Künstler auf der Bühne und die Musiker im Orchestergraben koordiniert.

Premiere am 20. März, 19.30 Uhr; weitere Vorstellungen am 22., 26. und 30. März im Prinzregententheater. Karten unter Telefon 21 85 19 70 und an der Kasse der Staatstheater hinter dem Nationaltheater

 

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