Premiere am Residenztheater mit und nach Büchner Applaus und Buhs für "Leonce und Lena"

Übernahme der Inszenierung des Theater Basel: „Leonce und Lena“ mit Elias Eilinghoff und Lisa Stiegler. Foto: Sandra Then

Und schon wieder eine Premiere im Residenztheater: „Leonce und Lena“, inszeniert von Thom Luz

 

Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, dass es am Bayerischen Staatsschauspiel fast jede Woche was Neues oder manchmal auch nur für München was Neues zu sehen gibt. Eine Premiere nach der anderen schießt das Haus unter dem neuen Intendanten Andreas Beck heraus. Dabei gibt es einige Übernahmen aus Basel zu entdecken, die Beck inklusive einiger Ensemblemitglieder mitgebracht hat.

Ein Import aus Basel von Thom Luz

So durfte man bislang einige gut eingespielte Inszenierungen erleben, von Simon Stones „Drei Schwestern“ bis hin zu „Vor Sonnenaufgang“ – Theater, das klassisch auf Rollenspiel, also die Einfühlungskunst der Schauspieler setzt und sich gleichzeitig verpflichtet fühlt, durch modernisierende Überschreibungen einen Bezug zum Hier und Jetzt herzustellen. Dass dieser Zugang recht publikumsfreundlich ist, hat sich bei einigen umjubelten Premieren schon gezeigt.

Aber man hört auch von Unzufriedenheit, von Zuschauern, denen etwa die „Drei Musketiere“ allzu leichtfüßig auf die Bühne galoppieren.

Garderobengespräch:  Ja nicht in „Die Räuberinnen“ an den Kammerspielen!

Auch bei der Münchner Premiere von „Leonce und Lena“ mischten sich in den Applaus einige Buhs, was ja nicht schlecht sein muss. Schließlich hat so ein Staatstheater auch den Auftrag, ein paar Handschriften zu präsentieren, die sich nicht gleich an gewisse Zuschauererwartungen schmiegen.

Noch an der Garderobe vor Beginn konnte der Rezensent eine Dame belauschen, die einer anderen Dame riet, ja nicht in „Die Räuberinnen“ an den Kammerspielen zu gehen, das sei nämlich furchtbar gewesen. Womöglich gliederten sich diese beiden später in die Gruppe der Buh-Rufer im Residenztheater ein?

Denn was Thom Luz, der Schweizer Spezialist für das poesievolle Skurrile, dessen „Girl From the Fog Machine Factory“ im April gar in der Kammer 2 gastierte – was dieser Regisseur also mit „Leonce und Lena“ anstellt, ist zwar keine vollkommen freischwingende Adaption ins Performative. Aber er buchstabiert nun mal die bei Georg Büchner sowieso schon lose Handlung nicht Wort für Wort nach, sondern inszeniert eine heiter bis wolkige Collage aus Büchners Sentenzen (mit Spurenelementen aus „Woyzeck“ und Co.) sowie Musikeinsprengseln, entlehnt von Bach, Beethoven, Alban Berg und Co.

Musik liegt in der Luft!

Wunderbar interpretiert wird dieser Klassikmix, in den auch ein paar elektronische Beats einbrechen können, von Annalisa Derossi und Daniele Pintaudi. Sie spielen, manchmal im fliegenden Wechsel, auf zwei weit voneinander entfernten Klavierhälften, weil Männlein und Weiblein ja auch bei Büchner zunächst eine ziemliche Distanz trennt. Insgesamt ist die Atmosphäre im hell erleuchteten, beachtlich in die Höhe und Tiefe gehenden Raum recht diesig, als habe Luz, der auch das Bühnenbild entwarf, vor dem Einlass eine riesige Schlechtwetterwolke durch das Residenztheater treiben lassen.

Nach einem zänkisch-musikalischen Prolog taucht dann auch eine von Regen durchnässte, launig singende Abendgesellschaft auf und zieht in das herrschaftlich weitschweifige, jedoch karg eingerichtete Interieur ein. Wer was ist, lässt sich schwer ausmachen, weil Luz die Identitäten, die im Stück schon vor sich hin wackeln, ganz auflöst und Textpassagen von einem Mund in den anderen wandern lässt. Barbara Melzl und Steffen Höld, die für die Münchner Premiere neu in das Team eingepflanzt wurden, gehören wohl zur Elterngeneration, während Elias Eilinghoff und Lisa Stiegler eher das titelgebende Paar abgeben.

Eine Schuhputzmaschine spielt Geige

Büchner hechelte 1836 der Deadline für einen ausgeschriebenen Komödienwettbewerb hinterher – mit „Leonce und Lena“ wollte er seine Finanzen aufbessern, reichte sein Stück jedoch zu spät ein. Wegen der vergeblichen Hetze ist es vielleicht wieder so bruchstückhaft geworden, wie man das von Büchner kennt. Jedenfalls erzählt die märchenhafte Satire lockerleicht von einem Prinzen und einer Prinzessin, die in benachbarten Königreichen leben und vermählt werden sollen, obwohl sie sich nie zuvor begegnet sind. Beide fliehen vor der arrangierten Ehe, laufen sich aber zufällig über den Weg und verlieben sich, weshalb sie sich zuletzt ganz glücklich in ihr vorherbestimmtes Schicksal fügen.

Die Liebe rettet dabei auch ein wenig vor der Langeweile. Und etwas vor sich hin schwebenden Leerlauf lässt auch Luz zu, gerade am Anfang, wenn die feine Gesellschaft sich erstmal im Raum einfinden muss. Barbara Melzl hat vor kurzem in „Olympiapark In The Dark“, im Marstall uraufgeführt unter der Regie von Thom Luz, eine Musikertruppe angeführt. Da zeigte sich schon, dass die in Basel geborene Melzl und der in Zürich geborene Luz offenbar ähnlich ticken: Schön schräg komisch wird es vor allem dann, wenn man das Schräge mit aufrichtigem Ernst vertritt.

Variétehafte Einlagen

Als vergessliche Königin lässt sich Melzl durch die Wand ihren Text einflüstern. Die seltsamsten (musikalischen) Dinge lässt Luz mit der größten Selbstverständlichkeit passieren: Eine Violine wird unter eine Schuhputzmaschine gelegt und sirrt vor sich hin. Das Pianisten-Duo lässt sich von einem Stromausfall nicht vom Spielen abhalten: Per Streichholz zündet die eine Hand eine Kerze an, während die andere Hand die Tasten drückt. Das sind variété-hafte Einlagen, die spielerisch an das Stück angebunden sind. So geben Leonce und Lena vor der großen Identitätsenthüllung vor, Automaten zu sein und gehen als Spiegelbilder ihrer Selbst in die noch ungewollte Hochzeit. Ähnlich automatisch ersetzt die Schuhputzmaschine den Schuhputzer (und den Geiger). Und manchmal geht allen ein (Kerzen-)Licht auf, bis die Erkenntnis wieder erlischt.

Ein spleeniger Abend

Thom Luz hat immer auch das Theater selbst, das Theatralische unserer Existenz im Auge. Mit den Konventionen des Vorhang-auf-und-zu-Gehens spielt er genauso wie er seinen Stamm-Mistreiter Daniele Pintaudi als Conférencier die Etappenschritte ansagen lässt.

Die Schauspielkunst, das präzis artikulierte Sprechen kommt bei aller Selbstreflexion und irren Spielerei aber nicht zu kurz: Lisa Stiegler hält einen schön gearbeiteten Monolog an der Rampe, so kraftvoll direkt, dass wirklich jeder sich angesprochen fühlt.

Dass Intendant Beck dieses Stück auf der großen Bühne spielen lässt, erzeugt tatsächlich ein Novum: So einen spleenigen Abend hat man schon lange nicht mehr im Resi gesehen. Gut so. Denn wer kein Risiko eingeht, hat sich weder den Jubel noch die beherzten Buhs verdient.
    
Residenztheater, Max-Joseph-Platz, wieder am 14. Dezember, 10. und 13. Januar, 19.30 Uhr, Karten: Tel: 2185 1940
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading