Premiere in der Schauburg am Elisabethplatz Perversion und Segen der Wissenschaft

Das Ensemble von "Weltenbrand" in der Schauburg. Foto: Digipott

„Weltenbrand“ in der Schauburg beschäftigt sich mit Giftgas im Ersten Weltkrieg

 

"Ich möchte einen Stoff schaffen oder eine Maschine, die von so verheerender Wirkung ist, dass dadurch Kriege unmöglich werden“, sagte Alfred Nobel. Seine Erfindung Dynamit schaffte es nicht. Giftgas, die fieseste Waffe des Ersten Weltkriegs, tötete zuletzt Menschen in Syrien. Nur die bisher fürchterlichste aller Waffen, die Atombombe, hat – vielleicht – auch Frieden gebracht.

Dieses heikle Thema spielt „Weltenbrand“ von Tobias Ginsburg und Daphne Ebner in der Schauburg durch. Ausgangspunkt ist der 22. April 1915: An diesem Tag öffneten Fritz Haber und sein Assistent Hugo Stoltzenberg an der Westfront des Ersten Weltkriegs bei Ypern die 6000 Chlorgasflaschen, um die Soldaten auf der Gegenseite an Lungenödemen zugrunde gehen zu lassen. Bald danach brachte sich Habers Frau um – wohl, weil die promovierte Chemikerin das Treiben ihres Mannes als Perversion von Wissenschaft nicht mehr ertrug.

Ginsburg und Ebner ersparen einem den wohlfeilen Betroffenheitston, sie bleiben leicht und für manchen Beobachter fast zynisch. Aber gerade deshalb wirkt die Schilderung des hässlichen Gas-Todes besonders eindringlich. Dessen Wirkung war übrigens primär psychologisch: Bis heute graust jedem, wenn er Gasmasken sieht, obwohl von 10 Millionen Weltkriegstoten nur 90 000 dem Gas zum Opfer fielen. Jeder einer zuviel, gewiss. Aber es ist ein Argument dafür, dass an Nobels These etwas dran sein könnte.

Die sechs Darsteller wechseln virtuos zwischen Erzählen und Spielen. Video und Sound-Design setzt die Aufführung sparsam, aber effizient ein. Die Sprache ist einfach und klar, Wichtiges wird wie in jeder guten Unterrichtsstunde öfter wiederholt.

Der 100 Minuten kurze Abend bleibt dialektisch wie das Leben: Haber zählt als Erfinder der Ammoniak-Synthese und des Kunstdüngers zu den Wohltätern der Menschheit: Ohne ihn könnte sich die stetig wachsende Weltbevölkerung nicht ernähren. Der Schurke war eher sein Assistent Stoltzenberg: Er sollte nach dem Ersten Weltkrieg das Giftgas entsorgen, verkaufte die Erfindung aber auch an die Spanier, die mit Senfgas die Berber umbrachten.

Am Ende liefert sich Dan Glazer als Moralist mit Thorsten Krohn als Realpolitiker ein gnadenloses, fast in eine Schlägerei mündendes Rededuell. Es schlägt den Bogen vom Ersten Weltkrieg zu deutschen Waffenexporten in der Gegenwart. Beide haben recht – und liefern Schülern ab 14 Jahren viel Stoff zum Nachdenken. Aber auch Erwachsenen schadet ein Besuch in der Schauburg nicht: Klüger wurde auf der Bühne selten über Krieg nachgedacht.

Heute, Samstag, 20 Uhr, und ab 6. 2., 19.30 Uhr,  Tel. 233 37 155

 

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