Premiere in der Bayerischen Staatsoper "Die Meistersinger von Nürnberg" mit Jonas Kaufmann im Nationaltheater

Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" in der Inszenierung von David Bösch im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Lauter komplizierte Menschen: Kirill Petrenko dirigiert die Neuinszenierung von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Nationaltheater

Während des Vorspiels bleibt die Bühne dunkel. Nicht nur kann sich der Zuhörer so auf das meisterliche Spiel des Bayerischen Staatsorchesters unter Kirill Petrenko konzentrieren, was nur recht und billig ist, weil der Generalmusikdirektor tief in das Innenleben des Uraufführungsorchester eingegriffen hat und einen einzigartig geschmeidigen Klang hervorruft, der den Personen folgt wie ein gut sitzender Anzug.
 
Nein, David Bösch weist mit dieser dankenswerten Entscheidung, erst einmal die Musik ohne Ablenkungen wirken zu lassen, gleichzeitig auch voraus auf seine so durchdachte wie ansprechend modernisierte Inszenierung. Denn bis einschließlich der finalen Festwiese wird der Bühnenhintergrund unausgeleuchtet bleiben, die Nacht verläßt dieses Nürnberg gleichsam nie (Licht: Michael Bauer).
 
Und es ist eine enge, drückende Stadt, in welcher der Flieder doch eigentlich mild, stark und voll duften soll: Die Gebäude sind angeschmuddelt, David fährt auf dem Moped durch staubige Straßen, Sachs verkauft seine Schuhe aus einem ärmlichen Lieferwagen – der Regisseur Bösch liebt, nicht zum ersten Mal, seine Autos, die aber nie bloße Blickfänger sind, sondern eng in die Handlung eingebunden werden: Die Prügelnacht etwa überdauert Stolzing in Sachsens Vehikel, Beckmesser singt sein Ständchen auf einem kleinen Kran, der mit stetem Auf und Ab zum Slapstick genutzt wird.
 
Auf der Festwiese wehen bewußt billig beschmierte Plakate (Bühne: Patrick Bannwart). Die trashigen Videoprojektionen Falko Herolds tun ihr Übriges um zu zeigen: Dieses Nürnberg ist eine normal häßliche Stadt, in welcher die glanzlosen Arbeitsverhältnisse mit ästhetischen Diskursen und Liebeshändeln chaotisch realistisch durcheinander gemischt werden.
 
 
Mit einer Besetzung, wie sie noch vor zwei, drei Jahrzehnten typisch gewesen wäre, hätte man dieses aufregend moderne Regiekonzept kaum bevölkern können. Sara Jakubiak als Eva jedoch spricht mit ihrem hell leuchtenden Sopran so gegenwärtig, als ob ihr Part gerade geschrieben wurde, sodaß hier ein Mensch unserer Tage erscheint; ihre Rezitation ist in weite Bögen eines wunderbaren Belcantos eingebunden. Jonas Kaufmann gelingt in seinem szenischen Debüt als Stolzing das ganz persönliche Kunststück, die ganze Haltung seines Rollenporträts vom Heldischen fernzuhalten und seine tenoral schöne Färbung, die dunkel glühenden Höhen, mit dem Schein des Heutigen zu verbinden.
 
Die beiden bilden ein echtes Paar, weil sie sich hier eben als komplizierte Menschen individuieren können: Jakubiaks Eva flirtet ziemlich ernsthaft mit Sachs, man traut ihr zu, daß sie ihn erwählen könnte – wenn er nur beim Wettbewerb um sie würbe. Kaufmanns Walther ist mit seiner immer schön lässig mitgeführten, doch letztlich nie benutzten Gitarre, der Lederjacke, der Leck-mich-Attitüde, ein halb genialischer, halb adeliger Halbstarker, der erstmal hübsch ratlos die Backen aufbläst, bevor er mit seinem Preislied loslegt. Eva und er werden nie zusammenfinden, weil sie sich in ihren coolen Sneakern so ähnlich sind (Kostüme: Meentje Nielsen).

Viele junge Leute

Gegenüber diesen leichtsinnig Liebenden wird Wolfgang Koch als zotteliger, bauchtragender Sachs in eine ausweglose Situation zwischen Versteher von Genie und Jugend und dem anerkannten Hüter der Regeln gebracht. Kochs weicher, lockerer Bariton überbrückt diese Diskrepanz mühelos, es ist wichtig, daß er in all die Konflikte eine versöhnende Note einbringt. Sein Sachs hat auch stimmlich noch nicht die Schwere des reifen Alters, wie sie etwa bei Bernd Weikl mitschwang, er könnte durchaus noch mitmischen in diesem letztlich perversen Wettbewerb um Kunst und Liebe.
 
Dem entspricht der Rollenanlage nach der Beckmesser Markus Eiches, der stimmlich strahlend erscheint und überhaupt ausgesprochen attraktiv, er ist eher ein Hipster als ein Unvermittelbarer. Auch für den eigentlich alternden Pogner gilt dies, weil Christof Fischessers baritonale Energie darauf hindeutet, daß er Eva vielleicht auch deswegen aus dem Haus haben möchte, um Platz für neue Sprößlinge zu schaffen. Und selbst noch der verdienstvolle Kothner wird von Eike Wilm Schulte so frisch und hell verkörpert, daß die Frage gestellt werden kann, ob denn diese insgesamt recht rüstige Gesellschaft die Erneuerung denn so dringend braucht – zumal mit dem leicht parlierenden David Benjamin Bruns und der wie immer verschwenderischen Okka von der Damerau als Magdalene eine hoffnungsvolle junge Generation bereitsteht.
 
Ist David Bösch vielleicht am Schluß seine heitere, gut funktionierende Inszenierung zu positiv vorgekommen? Das noch hastig angedeutete düstere Ende: Stolzing flieht nun doch mit Eva, Beckmesser erschießt sich, Sachs zieht illusionslos an seiner Zigarette, wirkt aufgesetzt und damit als ein Fremdkörper dieser insgesamt sehr gelungenen Produktion. Nach deren Logik – und nicht zuletzt nach dem überwältigenden Eindruck, den Sänger und Orchester hinterlassen –, hätte eigentlich jeder Topf seinen Deckel finden müssen. Stolzing und Sachs aber wären echte Künstlerfreunde geworden.
 
Die Produktion wird am 31. Juli 2016 um 17 Uhr als "Oper für alle" auf die Großleinwand am Max-Joseph-Platz und auf www.staatsoper.de/tv kostenlos und live ins Internet übertragen
 

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