Premiere im Residenztheater Schillers "Räuber", inszeniert von Ulrich Rasche wie ein Rammstein-Konzert

Szenen aus Schillers "Die Räuber" im Residenztheater. Foto: Ulrich Pohlmann

Saisoneröffnung im Resi: Ulrich Rasche inszeniert Friedrich Schillers „Die Räuber“ als monumentales Ereignis

Da steht sie nun, die Theatermaschine in all ihrer monströsen Pracht, und mag nicht aufhören, sich zu bewegen. Zwei sich aneinanderschmiegende, aber bei Bedarf auch auseinanderstrebende Stahlkonstruktionen stehen monumental auf der Bühne des Residenztheaters, auf ihnen angebracht von Turbinen angetriebene Laufbänder, welche beständig die Darsteller zum Schreiten zwingen.

Im Fitnessstudio, beim Hometrainer mag man das Tempo noch beschleunigen können. Aber hier, in Ulrich Rasches Inszenierung von Schiller „Die Räuber“, geht es doch weniger um Menschen im Sprint als im Marathon des langsam wegfließenden Lebens. Den Mechanismen von Macht und Intrige kann bei Schiller niemand entkommen: Karl Moor wird, verstoßen vom Vater, zum Räuberhauptmann und gerät in eine Gruppendynamik, die auch diejenige, die er liebt, Amalia, in den Tod reißen wird. Der zweite Sohn, Franz, der mit einem falschen Brief den Vater zum Bruch mit Karl animierte, kommt aus seiner bösen Haut nicht raus. Selbst wenn ihn die so gar nicht hässliche Valery Tscheplanowa spielt.

Testosterontrunkene Power

An die revolutionäre Kraft von Karls brandschatzender Räuberbande glaubt Rasche nicht, weil ihnen Schiller keine einleuchtende Leitidee mit auf den Weg gegeben habe. Stattdessen erscheinen sie nun als in Schwarz gekleidete, paramilitärisch anmutende Gruppe, die Assoziationen an alle möglichen Aufläufe weckt. Gemeinsam Parolen skandierend geht der Einzelne in der Masse auf und entwickelt in ihr eine Wucht, eine testosterontrunkene Power, die den Zuschauenden allein optisch umhaut.
Zu diesem Theater des Overkills gehören die Stimmen der Spieler, die den Schillerschen Text und darunter gemischte Sätze aus dem linken Manifest „Der kommende Aufstand“ so druckvoll und klar artikuliert herausstanzen, im Chor wie allein, dass jedes Wort mit der Kraft einer Pistolenkugel ins Ohr dringt. Es gibt kein Entkommen, keine Möglichkeit zur vorübergehenden Gedankenflucht. Nein, Rasche bombardiert mit visuellen-akustischen Eindrücken, dass keine Luft zum Durchatmen bleibt.

So muss sich das Hirn bei einem Rammstein-Konzert anfühlen. Rasches Gesamtkunstwerk wird von einer Musik perfekt gemacht, die ebenfalls nur kleine Schritte kennt. Die von Ari Benjamin Meyers komponierten Motivschleifen spielen bewundernswert ausdauernd zwei Streicherinnen und ein Bassist, ein Perkussionist gibt mit der Trommel den steten Rhythmus vor. Gesang und Laute („Ha!“) eines Tenors und zweier Baritons mischen sich unter den Sprechchor der Räuber. Wer den Minimalismus etwa eines Steve Reich nicht kennt, mag an Hans Zimmers Musik für Christopher Nolans Batman-Filme denken: Streicher-Ostinati, Loops und ein dunkler Sound, der nicht loslässt.

Der Schauspieler als Rädchen einer Maschine

Die Überwältigungsstrategien des Blockbuster-Kinos sind bei Rasche nicht weit - dafür ist er mit Inszenierungen wie jene von „Dantons Tod“ in Frankfurt, wo Riesenwalzen als Revolutionsmaschinen die Menschen zermalmten, bekanntgeworden. Und es ist nun wahrlich ein fulminanter Abend, den man im Residenztheater erleben darf: Event-Theater, bei dem man einem wie Thomas Lettow mit Genuss zuschaut, weil Lettow als machthungriger Spiegelberg am sexiesten mit dem Konzept Schritt hält: Dieser Spiegelberg lässt sich nicht vom Laufband treiben. Er geht und das Laufband läuft mit.

Wer Ton und Tempo am Theater vorgibt, diese Diskussion füllte zuletzt die Feuilletons, ausgelöst durch ein Interview mit Shenja Lacher, der aus dem Resi-Ensemble ausstieg und die „autokratischen, fast noch feudalistischen“ Strukturen an den Bühnen beklagte. Rasches „Räuber“ wirken nun wie die Inszenierung zur Debatte: Denn wie demokratisch wird es wohl bei den Proben zugegangen sein, für einen Abend, der ganz auf ein Konzept und festgezurrte Choreographien setzt, mit dem Regisseur auch noch als Bühnenbildner, der ein Räderwerk geschaffen hat, dem sich die Schauspieler wohl unweigerlich unterordnen müssen, Rädchen in einer Maschine, die reibungslos laufen soll?

Man kennt das noch mehr vom Musical, wo die Darsteller in feste Abläufe eingespannt sind und - ein Musical ist ein Langzeitprojekt - bei Bedarf ausgetauscht werden. Sieht man die „Räuber“-Maschine als Sinnbild für die ganze Theatermaschine, dann stehen die Laufbänder für den laufenden Betrieb. Ein Ensemble muss da wohl oder übel mitgehen. Oder man steigt aus, so wie es Bibiana Beglau, Ursprungsbesetzung des Franz Moor, nach „künstlerischen Differenzen“ mit dem Regisseur tat.

Fließbandwahnsinn

Valery Tscheplanowa ließ sich statt Beglau in Rasches Fließbandwahnsinn einspannen, bewahrt aber, ganz individuell, ihre Handschrift innerhalb der vorgegebenen Struktur und spielt mit der ihr eigenen, hier düster scheinenden Strahlkraft den Franz Moor. Ähnlich typisch erlebt man Franz Pätzold, der sowieso schon immer ein Sturm-und-Drang-Schauspieler war. Hier ist er ein leidenschaftlicher Karl, der gegen Ende, im gemeinsamen Lauf mit Amalia (Nora Buzalka) etwas filigranere Töne anschlägt.

Den Zwischentönen lässt das Konzept sonst kaum Chancen. Es ist kein berührender Abend, sondern ein bombastisches, fast vierstündiges Ereignis, das auch dem Zuschauer viel an Ausdauer abverlangt. Am Ende ist man fertig. Schrecklicher Kitsch, könnte man urteilen. Oder es beeindruckend finden, wie hier ein Abend geschaffen wurde, der einen überrollt und im Kopf noch weiter und weiter läuft.

Residenztheater, 2., 23. und 24. Oktober, 19 Uhr, 3.10. um 18 Uhr, Karten 2185 1940

 

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