Premiere im Nationaltheater Großer Jubel für Diana Damrau in Donizettis "Lucia di Lammermoor"

Pavol Breslik als James Dean..., pardon, Sir Edgardo di Ravenswood mit Diana Damrau in der Neuproduktion von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Die Neuinszenierung von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ mit Diana Damrau, Pavol Breslik und Dalibor Jenis an der Bayerischen Staatsoper

 

Die Hauptrollen sind fest in deutscher und slowakischer Hand. Im Graben dirigiert ein Russe aus Vorarlberg. Das Regieteam kommt aus Polen. Wenigstens der Sänger des Arturo kam aus Vicenza. Trotzdem: Mehr Belcanto ist kaum denkbar. Mitteleuropa trägt die Flamme der italienischen Oper weiter, die in ihrem Heimatland nur noch als ausgeblasenes Teelicht glimmt.

In der neuen „Lucia di Lammermoor“ der Bayerischen Staatsoper erweist sich Diana Damrau als neue Königin des dramatischen Koloraturgesangs und kongeniale Nachfolgerin der Gruberova. Die Arie „Regnava nel silenzio“ beginnt sie noch etwas verhalten. Doch schon hier wird deutlich: Die Damrau versteht die Lucia nicht als artifizielle Figur, sondern spielt sie als hochsensible Frau aus Fleisch und Blut.

Die Wahnsinnsszene – eine Viertelstunde großes Musiktheater

Das Duett mit Edgardo kochte vor Leidenschaft. Dann, als Höhepunkt, die von Sascha Reckert an der Glasharmonika begleitete Wahnsinnsszene. Gesungen nicht als Koloraturkunststück, sondern als herbe Ausdrucksmusik, als Studie des Verfalls und Verlöschens einer Figur. Lucia als kleine Schwester der Lady Macbeth. Eine Frau, die sich von Männern nichts mehr gefallen lässt und ihnen den Missbrauch heimzahlt. Wie eine überdrehte Marilyn Monroe umklammert sie das Mikrofon. Dann erschießt sie sich mit der Pistole. Eine atemberaubende Viertelstunde, in der Gesang, Darstellung und eine hochmusikalische Gestaltung nicht zu trennen sind.

Das zweite Wunder der Aufführung heißt Kirill Petrenko. Er dirigiert Gaetano Donizettis Partitur ungekürzt, mit allen Wiederholungen, die sich allesamt als notwendig herausstellen. Die falschen Traditionen hat er der Aufführung ausgetrieben, die guten behalten. Das Bayerische Staatsorchester klingt wunderbar. Petrenko dirigiert die Musik nicht strikt durch, sondern gibt den Sängern Raum für eine gestalterische Entfaltung. Aber es gibt keine rein dekorativen Ornamente: Alles dient dem Drama. Jede Sekunde wurde klar, dass Donizettis Belcanto-Oper nicht weniger wortgezeugt ist wie Wagners Musikdrama. Eine faszinierende Erfahrung.

Die Besetzung ist wäre runder kaum vorstellbar. Pavol Breslik singt den Edgardo eher lyrisch. Aber er hat auch die Kraft für die leidenschaftlichen Eifersuchts-Ausbrüche nach dem Sextett. Und auch in seiner heiklen Finalarie nach der Wahnsinnsszene der Lucia kühlt die Spannung nicht ab. Dalibor Jenis spielt und singt den Enrico mit kräftigem und gut geführtem Kavaliersbariton als Machtmenschen mit Resten eines schlechten Gewissens. Und Georg Zeppenfeld zeigt in der Rolle des öligen Mafia-Pfarrers Raimondo, dass auch ein Deutscher als Basso cantante überzeugen kann.

Solide Regie

Barbara Wysockas Inszenierung erzählt die Geschichte psychologisch genau und glaubhaft. Sie wertet Nebenfiguren wie Alisa (Rachael Wilson) und Normanno (Dean Power) auf. Und weil Pavol Breslik nun einmal wie James Dean aussieht, passt auch die Verlegung in die späten Fünfziger. Der Einheitsraum (Barbara Hanicka), ein verfallener Ballsaal mit Wasserflecken an der Decke, begünstigt den Gesang und wirkt zugleich atmosphärisch stimmig. Gegen Ende wird ziemlich ungeschickt nach alter Opernmanier eine Wand weggeschoben. Dass mit kabelgebundenen Telefonen hantiert wird, als seien sie schnurlos, fällt nur deshalb auf, weil die Inszenierung sonst so genau gearbeitet ist.

Aber man mag das wie den bisweilen aufsteigenden Rauch, die Auftritte einer kleinen Lucia mit ihrem Prinzessinnentraum und die Videos als Traumlogik verstehen. Es ist eine grundsolide Arbeit, die wie jede gute Aufführung von „Lucia di Lammermoor“ den Gesang und die Sänger in den Mittelpunkt stellt. Wer allerdings schon ein paar Arbeiten der Regisseurin gesehen hat, könnte leicht enttäuscht sein.

Am Ende Riesenbeifall für die Sänger und ein paar Buhs für die Regie. Und eine Einsicht: Hätte die Damrau doch lieber diese exzellente Aufführung abgewartet, statt eine mittelmäßig dirigierte, eilig und mit sängerischem Überdruck produzierte CD (Erato/Warner) auf den Markt zu werfen, die ihrem Rang als Lucia des Jahrzehnts kaum entspricht.

Wieder am 29. Januar, 1., 5., 8. und 11. Februar im Nationaltheater, alle Vorstellungen ausverkauft. Die Vorstellung vom 8. Februar wird auf Staatsoper.TV live ins Internet übertragen

 

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