Premiere im Nationaltheater Frank Castorf über "Aus einem Totenhaus" von Leos Janacek

"Aus einem Totenhaus" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Frank Castorf über Dostojewski, Janácek und natürlich über die Volksbühne

Die „Dämonen“ hat er vor 25 Jahren verfilmt, eine Bühnenfassung der Novelle „Das schwache Herz“ war nach „Faust“ seine allerletzte Premiere an der Berliner Volksbühne. Danach inszenierte er in Zürich den nächsten Dostojewski. Und nun: Leos Janáceks Oper „Aus einem Totenhaus“ in München, nach dem autobiografischen Roman des Schriftstellers über seine Haft in einem sibirischen Straflager.

Frank Castorf (66) ist besessen von Fjodor Dostojewski. Und ein wandelndes Lexikon. Er redet wie ein Wasserfall und lässt sich in seinen mäandernden Gedankengängen nur schwer unterbrechen. Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, von der Epilepsie des Schriftstellers auf seine rätselhafte Obsession für sehr junge Mädchen, um dann über Dostojewskis russisch gefärbtes Christentum und seinem welterlösenden Messianismus bei Nietzsche und Freud zu enden. Und gleich wieder neu anzusetzen.

Der Große Diktator der Regie

Das alles ist schwer zu zitieren, wenn ein Artikel eine bestimmte Länge haben soll. Aber vielleicht auch eine Erklärung, wieso ein Castorf-Abend im Theater unter fünf Stunden kaum zu haben ist. Die Oper „Aus einem Totenhaus“ dauert ohne Pause nur knapp 90 Minuten. Drehorgelartige Klänge aus dem Inneren des Nationaltheaters sind Indizien für zusätzliche Musik.

Castorf lässt durchblicken, Texte aus den „Dämonen“ eingebaut zu haben. Und die obligatorischen Videos gibt es selbstverständlich auch.

Was fasziniert ihn an Dostojewski? „Das Polyphone“, sagt Castorf. „Dass es keinen Autor gibt. Nur Leute, die etwas sagen. Wie Naturgewalten prallen in seinen Romanen Menschen aufeinander, die man nie wirklich erkennen kann. Es geht um Obsessionen und Verbrechen. Und die Idee, dass wir alle nur notdürftig durch die Wohlstandsgesellschaft befriedet werden“.

In „Aus einem Totenhaus“ fällt von den Menschen alles Menschliche ab. Die Oper spielt in einem sibirischen Straflager und besteht mehr oder weniger aus einer Folge von Monologen. Einzelne Figuren treten sporadisch heraus und berichten von ihrem Schicksal. Mörder, Verbrecher, Räuber, und dazwischen der politische Gefangene Gorjantschikow, Dostojewskis Alter Ego.

Begnadigung als Psychoterror 

Dostojewskis Roman ist teilweise autobiografisch. Der Schriftsteller war Teil eines Kreises liberaler Literaten, der 1849 von der zaristischen Geheimpolizei zerschlagen wurde. In einem brutalen Manöver, das der Zar als „Großer Diktator der Regie“ (Castorf) persönlich inszenierte, wurde der Autor erst zum Tod durch Erschießen verurteilt und in letzter Sekunde begnadigt. Dann wurde Dostojewski in einem Schlitten nach Sibirien abtransportiert, vorbei am nächtlich erleuchteten Haus seines Bruders, in dem die Menschen sangen und Weihnachten feierten.

Janáceks Oper endet mit der Freilassung eines Adlers verhalten optimistisch. Dostojewskis Alter Ego im Roman stirbt in Sibirien. Ein Adliger kauft die nur teilweise erhaltenen Aufzeichnungen des ehemaligen Gefangenen als Altpapier von einer alten Frau.

Warum hat Janácek diesen Roman Ende der 1920er als Vorlage für eine Oper gewählt? Da ist Castorf gleich wieder bei Dostojewski: „Janáceks Beziehung zu seiner Dauer-Geliebten Kamila Stösslová ähnelte der Affäre des Schriftstellers mit Polina Suslowa. Die beiden reisten durch Italien, ohne sich für das Land nur im geringsten zu interessieren und führten dabei einen strindberg’schen Geschlechterkampf auf.“

Janácek bearbeitete den Text selbst – in einer Art slawischem Esperanto, einem russisch gefärbten Tschechisch. Der Komponist war – wie viele seiner Landsleute bis zum Prager Frühling von 1968 – Panslawist aus Hass auf Habsburg und die Deutschen. „Weil ihm die Beziehung seiner Tochter zu einem Mann nicht passte, zwang er sie, nach St. Petersburg zu ziehen, wo sie Russisch lernen sollte, aber schwer erkrankte und früh starb“.

Das Nebeneinander vieler Sachen

Gleich nach dem „Totenhaus“ probt Castorf nebenan am Residenztheater Molières „Don Juan“. Kurioserweise kommt dieser Stoff auch in Janá(c)eks Oper vor – als Theater auf dem Theater bei einer Weihnachtsfeier der Häftlinge des Straflagers. „Sie freuen sich lange auf diesen Moment, basteln die Ausstattung, brüllen und saufen nicht. Es ist ein utopischer Moment der Freiheit, frei nach Friedrich Schillers Wort, dass der Mensch nur frei ist, wenn er spielt.“

Castorf hat – trotz Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth – kaum Oper inszeniert, obwohl Musik in seinen Inszenierungen seit jeher eine große Rolle spielt. Oder gerade deswegen – weil ihn Partituren als Regisseur einengen. Dieser Auffassung widerspricht er nicht. Die Oper wird aber ihn nicht verlassen: „Ich habe viele Angebote“, sagt er.

Die Bühne für das „Totenhaus“ stammt von Aleksandar Denic, mit dem Castorf seit dem frühen Tod von Bert Neumann bevorzugt zusammenarbeitet. Was die auffallende Pepsi-Reklame bedeutet, verrät der Regisseur nicht. Bei derlei Dingen sollte sich der Zuschauer immer in Erinnerung rufen, dass für Castorf immer der Surrealismus fast genauso wichtig war wie Dostojewski: Und das „Nebeneinander von Sachen“ und die für Castorf typische Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen verbindet das 19. Jahrhundert des Schriftstellers mit der künstlerischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Deshalb stört da Werbung für ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk in Sibirien nicht wirklich.

Dem Royalismus zugewandt

Es ist unmöglich, derzeit Castorf zu treffen und ihn nicht nach der Berliner Volksbühne zu fragen. 25 Jahre war er der Intendant des Theaters, und es ist offenkundig, dass er gerne weitergemacht hätte. Das frühe Scheitern von Chris Dercon scheint ihn nicht wirklich überrascht zu haben.

Castorf gibt die Schuld primär der Berliner Politik, aber auch den Medien, die sich die Entscheidung schön geschrieben hätten. Aber ihn wurmt auch die Unfähigkeit seines Nachfolgers, mit den gewachsenen Strukturen eines Theaters wie der Volksbühne umzugehen. Dercons Misswirtschaft wird mit zwei Millionen Euro ausgeglichen, die Castorf dem Nachfolger hinterließ: „Aber nun ist kein Geld mehr da, um neue Produktionen herauszubringen“.

Dercon scheint auf Sponsoren gehofft zu haben, die Barenboim in der Berliner Staatsoper gewonnen hat, die für Theater aber kaum zu interessieren seien. „Im Kapitalismus kriegt man nichts geschenkt“, sagt Castorf. „An so etwas glaube ich nicht. Deshalb bin ich als Ewiggestriger eher dem Royalismus zugewandt und fühle mich in Bayern wohl.“   

Premiere am Pfingstmontag, 18 Uhr im Nationaltheater, Restkarten. Die Vorstellung vom 26. Mai wird auf staatsoper.tv ins Internet übertragen


Mehr über Castorf, Janácek und Dostojewski

Leos Janácek hat seine Oper „Aus einem Totenhaus“ unvollendet hinterlassen. Simone Young dirigiert eine neue Ausgabe. Wer sich auf einen Besuch der Vorstellung vorbereiten will, dem sei zu einer Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern unter Charles Mackerass aus dem Jahr 1980 geraten (bei Decca).

Zum Abschied Frank Castorfs von der Berliner Volksbühne brachte der Verlag der Zeitschrift „Theater der Zeit“ einen Band mit Interviews unter dem Titel „Am liebsten hätten sie veganes Theater“ heraus. In Castorfs Gesprächen mit Peter Laudenbach ist auch ziemlich oft von Dostojewski die Rede (142 S., 15 Euro).

Im Verlag C.H. Beck erschien soeben die umfangreiche Biografie „Dostojewski“ von Andreas Guski. Der in Basel lehrende Slawist gilt als einer der besten deutschen Kenner des Schriftstellers (1821-1881). Guski schildert anschaulich den Wandel vom Liberalen zum Reaktionär. Es ist ein Leben voller Dramen, Geldverlegenheiten, Spielsucht und einem kurzen Glück am Ende. Bei der Einweihung eines Puschkin-Denkmals feiert Dostojewski den Klassiker der russischen Literatur als Propheten des Russentums und sticht seinen Kollegen Lermontov aus. Doch der Triumph und der Ruhm als Staatsschriftsteller ist kurz: Schon ein halbes Jahr später stirbt Dostojewski an einer Lungenblutung.

Ans Herz wächst einem der manisch lebende und schreibende Dostojewski in Guskis Biografie zwar nicht gerade, aber diese Schonungslosigkeit ist eine Qualität dieses Buches, das knappe, aber instruktive Analysen der Romane und Erzählungen abrunden. Und ganz nebenbei kommt auch hier einmal Frank Castorf vor (480 Seiten, 38 Euro).

 

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