Premiere im Nationaltheater Erik Nielsen über "Karl V." von Ernst Krenek

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als französischer König Franz I. in Ernst Kreneks Oper „Karl V.“ im Nationalthater. Foto: Wilfried Hösl

Der amerikanische Dirigent über Ernst Kreneks Oper „Karl V“ und seinen Weg von der Harfe zur Oper

"Wenn man es am Haustor rütteln hört, liegt es nahe, sich auf dem Dachboden zu verbarrikadieren, nicht bedenkend, wie schadhaft das Dach geworden sein mag.“ Mit diesen Worten beschrieb der Komponist Ernst Krenek (1900 – 1991) seine zeitweilige Sympathie für den politischen Katholizismus, von dem er sich vergeblich eine Eindämmung des aufkommenden Nationalsozialismus erwartete. 

Seine 1933 vollendete Oper „Karl V.“ stellt die Tragik eines Herrschers dar, der angesichts der Reformation Luthers die Welt nicht mehr zu einem einheitlichen christlichen Imperium vereinen kann. Kreneks Bühnenwerk, das am Sonntag in der Bayerischen Staatsoper herauskommt, hat Musikgeschichte geschrieben: als erste Oper in Zwölftontechnik. Erik Nielsen dirigiert das Bayerische Staatsorchester, Carlus Padrissa („La fura dels baus“) inszeniert.

AZ: Herr Nielsen, verstehen Sie, dass allein das Wort „Zwölfton“ viele Leute abschreckt?
ERIK NIELSEN: Dann siegen die Nazis letztendlich doch. Solche Gedanken lauern wie ein Krebs in unserer Wahrnehmung. Ein Komponist greift nicht zur Zwölftontechnik, um etwas Hässliches oder besonders Kompliziertes zu schreiben, sondern weil er nach einer Ordnung sucht.

Welche Ordnung suchte Ernst Krenek?
In „Karl V.“ blickt der sterbende Kaiser auf sein Leben zurück. Er wollte die christliche Welt ordnen und in seinem Reich vereinen. Dafür steht die Zwölftonreihe. „Karl V.“ war für Krenek ein Stoff, um die Welt zu erklären und Parallelen zur Gegenwart zu ziehen.

Wo kann man die Zwöltonreihe hören?
Gleich am Anfang der Oper, die wie im Barock mit einer Fanfare beginnt, um den Auftritt eines Herrschers anzukündigen. Diese Fanfare beginnt mit einem C. Darauf folgt ein Pizzicato der Bratschen. Die spielen die 12 Töne regelmäßig. Die Celli fügen eine zweite Schicht hinzu, die ebenfalls mit einem C anfängt. Für diese Karl-Reihe gibt es 48 mögliche Permutationen, vorwärts, rückwärts und Spiegelungen. Sie endet mit den Noten H, G, F und E. Das ist fast ein Moll-Dreiklang. Gespiegelt ergibt das einen Dur-Dreiklang.

Das klingt ziemlich kompliziert.
Manches erinnert an Alban Bergs „Lulu“. Aber Krenek war früher. Beim Zwölfton kommt man manchmal zu einem ähnlichen Ergebnis. Es gibt auch noch eine von der Karl-Reihe abgeleitete Reihe seines Gegenspielers, des französischen Königs Franz I. Aber man soll die Reihen eigentlich nicht hören, es ist ein musikalisches Strukturprinzip.

Es gibt in „Karl V.“ auch eine Menge traditionelle Musik.
Ich finde es ganz toll, dass in dieser Oper plötzlich Martin Luther auftaucht. Oder Karls früh verstorbene Gattin Isabella, die bei uns von Anne Schwanewilms gesungen wird, einer großartigen Sängerin. Der zweite Teil der Oper ist mit seinen Arien und einem Terzett mit Chor schwieriger zu dirigieren, aber wegen dieser Formen für den Zuschauer leichter. Aber es lohnt, sich darauf einzulassen.

In „Karl V.“ wird auch eine Menge gesprochen.
Bei Krenek gibt es keine durchgestrichenen Notenköpfe wie in Schönbergs „Moses und Aron“, wo die ganze Bandbreite vom Sprechen über das rhythmische Sprechen zum Sprechen auf Tonhöhen exakt notiert ist. Weil es in der Oper auf den Gesang ankommt, haben wir die Sprechrollen gekürzt und uns auf die Beziehung zwischen Karl und seinem Beichtvater Juan de Regla konzentriert.

Sie sind über die Harfe zum Dirigieren gekommen – ein eher ungewöhnlicher Weg.
Ich habe früh begonnen, Klavier zu spielen. Später kam in der fünften Klasse Oboe dazu. Mein Oboenlehrer war auch Harfenist. Mich interessierte das Instrument und prompt fuhr ich mit einer Harfe nach Hause, was dank der riesigen Autos in den USA kein Problem war. Durch die Harfe bin ich dann nach Deutschland gekommen.

Wie passierte das?
Eine Harfenistin der Berliner Philharmoniker gab an der Juilliard School in New York einen Meisterkurs. Sie forderte mich auf, am Probespiel für die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker teilzunehmen. Ich schaffte es und durfte 2001 in der letzten Spielzeit von Claudio Abbado mitspielen.

Dann wurden Sie Dirigent.
Ich ging als Korrepetitor nach Frankfurt, wo ich 80 Opern einstudiert und mein Repertoire aufgebaut habe. Das war sehr lehrreich, weil man sich an einem Opernhaus viel stärker als in einem Orchester mit verschiedenen Stilen auseinandersetzen muss, denn eine Viertelnote bedeutet bei Monteverdi etwas anderes als bei Verdi.

Sie machen viel Musik des 20. Jahrhunderts.
Wenn man Moderne kann, wird man schnell auf Moderne festgelegt. Als Harfenist lernt man, sich sehr genau mit Harmonien und Farben auseinanderzusetzen. Das hilft.
   
Premiere Sonntag, 18 Uhr. Restkarten. Auch am 13., 16., 21. und 23. Februar
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading