Premiere im Münchner Volkstheater Jessica Glause über „Das Handbuch für den Neustart der Welt“

Lenja Schultze spielt eine der Personen, die sich nach der Pandemie auf der Erde neu zurechtfinden muss. Foto: Arno Declair

Die Regisseurin Jessica Glause über ihre Inszenierung von „Das Handbuch für den Neustart der Welt“ im Volkstheater

 

Angenommen, eine Pandemie würde den Großteil der Menschheit auslöschen: Wüssten die wenigen Überlebenden dann, wie man sich aufrappeln und das Dasein auf der Erde wieder in Gang bringen könnte? Der englische Wissenschaftler Lewis Dartnell glaubt nicht daran, weshalb er in seinem postapokalyptischen Ratgeber „Das Handbuch für den Neustart der Welt“ wertvolle Tipps zum Wiederaufbau der Zivilisation gibt. Das Buch erschien 2014, avancierte zum Bestseller - und wird jetzt von Jessica Glause auf die Bühne des Volkstheaters gebracht.

AZ: Frau Glause, wie kommt man auf die Idee, ein Sachbuch fürs Theater zu adaptieren?

JESSICA GLAUSE: Das habe ich mich mittlerweile auch gefragt… Ich habe dieses Buch schon einige Zeit bei mir liegen gehabt. Dann ist die Dramaturgie des Volkstheaters auf mich zugekommen und meinte, sie wollen gerne, dass ich einen Ratgeber inszeniere. Ich habe mich in einem kecken Moment für dieses Buch entschieden, weil es zumindest eine größere, existentielle Dimension hat.

Wieso findet eigentlich eine Pandemie statt und nicht ein anderes Untergangsszenario?

Weil der Autor davon ausgeht, dass man am besten die Zivilisation wieder aufbauen könnte, wenn es eine „Gnadenfrist“ gäbe. Bedeutet: Nach der Pandemie ist noch alles da, die Überlebenden können sich überall bedienen und haben circa fünfzig Jahre Zeit. Bei einem Asteroideneinschlag, einer Sonneneruption, einer Katastrophe, die einen nuklearen Winter auslösen würde, wäre das anders.

Ihre Schauspieler sind nun die letzten Überlebenden?

Eher das Publikum. Bei uns findet sich ein sechsköpfiges Team auf der Bühne zusammen, das dieses Buch präsentiert und die Zuschauer in dieses Gedankenexperiment hineinzieht. Sie starten sachlich, verheddern sich aber immer mehr in all den Konflikten, die in so einer Gruppe entstehen können.

Was ist denn das größte Problem, auf das die Menschheit nach der Apokalypse trifft?

Es gibt ganz viele Probleme. Das größte aber ist, dass das menschliche Wissen mittlerweile so verteilt ist, dass der Einzelne das große Ganze nicht mehr versteht. Wir sind ja alle Spezialisten in unseren Fachgebieten. Der einzelne Stahlarbeiter könnte aber keine Stahlfabrik betreiben. Die Entwicklungsprozesse sind so kleinteilig und komplex geworden, dass wir nur noch konsumieren.

Nach der Apokalypse müsste man erstmal die Nahrungsbeschaffung sichern, oder?

Das beginnt mit der Landwirtschaft, genau. Während der Gnadenfrist ist ja alles noch da, aber man muss raus aus den Städten, weil die von der Natur überwältigt werden, wenn die Instandhaltungsmaßnahmen aussetzen und die Gullys nicht mehr gereinigt werden. Es wächst alles zu. Lewis Dartnell rät, dass man sich erstmal ein altes Bauernhaus suchen sollte, wo man mit Holz heizen kann. Dann erklärt er, wie man sich ein Wasserrad, dann einen Generator baut.

Könnten Sie selbst ein Kleid nähen?

Ja, meine Mutter ist Schneiderin! Aber das sind genau die Fragen: Könnten Sie einen Verbrennungsmotor bauen? Oder Nahrungsmittel herstellen? Oder aus Nutzpflanzen Kleidung?

Wie ist das, wenn man so ein Projekt vorbereitet, und dann passieren die Attentate in Paris und die Endzeitstimmung herrscht schon außerhalb des Theaters?

Man fühlt sich schon fast zynisch, auch wegen der luxuriösen Situation, in der wir uns befinden. Am Samstag nach den Attentaten kam ich auf die Probe und dachte mir: Wie sollen wir jetzt einen Ablauf machen? Warum? Dann auch noch zu so einem Thema. Am liebsten würde ich das ja trennen und sagen: Wir können jetzt nicht nur noch Stücke über Flüchtlinge und Terror machen, weil das Theater auch ein Raum sein muss, wo andere Geschichten erzählt werden. Mir ist aber auch bewusst, dass wir uns auf diese Realitäten beziehen müssen. Es geht im Stück aber auch genau darum, eine Aufmerksamkeit für all das zu entwickeln, was wir für selbstverständlich nehmen.

Sie arbeiten bevorzugt an Projekten. Haben Sie keine Sehnsucht nach Shakespeare?

Ehrlich gesagt kam diese Sehnsucht jetzt zum ersten Mal auf. Diese Stückentwicklungen sind schwer: Erst muss man das Material finden und ordnen, die Interviews, die Dokumente, dann mit den Schauspielern diesen ganzen Kosmos schaffen, was ein Wahnsinn ist. Jetzt denke ich mir, ich würde gerne mal „Macbeth“ machen, dann hat man von Anfang an einen Fahrplan. Es ist auch nicht leicht, die Begeisterung für ein Projekt zu halten. Da gibt es ständig Kurven. Und dann ist Theater doch immer wieder ein Wunderwerk: Da hat man vierzig Seiten Papier und nach sieben, acht Wochen ist ein Stück auf der Bühne.

Volkstheater, ab 27.November 2015, Karten unter Telefon 523 46 55

 

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