Premiere im Bayerischen Staatsschauspiel Der "Kongress der Autodidakten" im Marstall - die AZ-Kritik

Das sind die leicht schrulligen Figuren im „Kongress der Autodidakten“: Jürg Kienberger (Stefan Kindschi), Katrin Röver (Cordula Ahrends), René Dumont (Siegfried Sigor), Lukas Turtur (Henry Buchsboom, v.l.). Foto: Thomas Aurin

Das Residenztheater veranstaltet einen leicht schrulligen "Kongress der Autodidakten" im Marstall

Manfred Zapatka spielt Manfred Zapatka. Der Schauspieler ist Gastredner eines Kongresses, der aber offenbar nicht stattfindet. Später wird sich herausstellen, dass der Promi einfach zu früh war. Anstelle der Veranstalter findet er aber ein Publikum, dem er schließlich seinen Beitrag abliefert. Es sind Teile aus „Phaidros“, einem Dialog von Platon, in dem Sokrates und dessen Schüler Phaidros Fragen der Kunst, der Leidenschaft und des Eros debattieren. Ein schwerer Brocken an Text, den Zapatka mit duftiger Leichtigkeit seinen irritierten Zuhörern darbietet.

Das ist das Vorspiel zum „Kongress der Autodidakten“ im Marstall und dem wohl schrulligsten Vorhaben des Staatsschauspiels in der laufenden Spielzeit. Seine Regisseurin Corinna von Rad ist alles andere als eine Autodidaktin: Sie studierte bei Götz Friedrich und ist heute selbst Professorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Der „Kongress der Autodidakten“ ist ihre Hommage an Leidenschaft und Leidensfähigkeit der Amateure der Wissenschaft mit viel atmosphärereichem Chorgesang.

Bei einem Entomoakustiker (Jürg Kienberger), der mit Käferlarven den Tinnitus bekämpfen will, begegnen sich ein Ameisen-Spezialist (René Dumont) und ein Bienenforscher (Lukas Turtur). Näher am Menschen arbeiten eine Kennerin des Anthropozäns (Katrin Röver), ein Prothetiker (Thomas Gräßle) und ein „Umwandler“ (Matthias Loibner), der daran arbeitet, Gedanken in Schallwellen zu verwandeln. Ihre Texte stammen aus der einschlägigen Fachliteratur wie vom Medientheoretiker Villém Flusser, dem Münchner Verhaltensforscher Karl von Frisch, dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss oder dem Esoteriker Rudolf Steiner.

Eine kuriose Schnurre für entschleunigte Zeitgenossen

Wo der fachmännische Disput herrscht, ist bald auch Streit. Die Demarkationslinie verläuft vor allem zwischen der zukunftsfrohen Utopie der Schwarmintelligenz, von der die Erforscher von sozialen Insekten schwärmen, und einem Weltbild, das die Bedeutung der Menschen für überschätzt hält: „Das Zeitalter der Menschen auf Erden“, erklärt die Fachfrau für das Anthropozän, „ist nur ein verschwindend geringer Teil der universellen Suche nach dem, was bleibt“.

Als wäre es zu beweisen gewesen, stirbt der Prothetiker, der auch nicht mehr war als „eine Kohlenstoffeinheit“. Sein sterblicher Überrest ist eine milchige Pfütze und dieser irrlichternde Kongress eine liebenswert kuriose Schnurre für entschleunigte Zeitgenossen.

Marstall, 29. März, 6., 7., 24. April, 20 Uhr, sonntags 19 Uhr, Telefon 21851940

 

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