Premiere der Münchner Kammerspiele "Mittelreich" nach dem Roman von Josef Bierbichler

Faschingsball im Wirtssaal 1954: Hier sind auch die Sänger des Jungen Vokalensembles München als Darsteller eingesetzt. Der alte Seewirt (rechts: Stefan Merki) hat ein Wirtschaftswunder-Grundig-Hifi-Gerät angeschafft. Foto: Judith Buss

Kammerspiele: Anna-Sophie Mahlers Musik-Dramatisierung von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“

Zugrunde liegt ein neobarockes, bayerisches Landgesellschafts-Epos. 400 Seiten – als Hörbuch vom Autor hörbar bairisch gelesen zwölf Stunden lang – umspannen 70 Jahre und ein großes Figurenpersonal: drei Bauern-Wirtsgenerationen mit Kind und Kegel, Knechte, Sommerfrischler, Bomben- und Kriegsflüchtlinge. Wie zwingt man das in zwei Theaterstunden?

Man verdichtet auf markante Szenen und benutzt als Bindemittel Musik, hier vor allem das Brahms-Requiem. So entsteht in der Form eines Erzähl- und Musik-Theaters Neues, Anderes, Interessantes, teils gelungen, teils gescheitert. Das beginnt bei der Sprache. Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ ist eine kunstvoll ungekünstelte, hartholzgedrechselte, wuchtige Dichtung. Hochdeutsch, aber mit bairischer Grammatik und Wort-Plastizität, wird von der Welt am großen oberbayerischen See erzählt, die mit Modernisierungsschüben und Flüchtlingen konfrontiert wird und zu mittelreichem Wohlstand kommt.

Und hier passiert auf der Bühne der Kammerspiele eine Entwurzelung. Regisseurin Anna-Sophie Mahler treibt dem Text das Bairische aus. Dazu passt dann aber das im Roman nur einmal kurz erwähnte Brahms’sche Requiem. Es ist deutsch, unkatholisch, diesseits-orientiert.

Vor der ersten Reihe ist ein Orchestergraben, der auch als Familiengruft dient, wo zwei Pianisten und ein Schlagzeuger zusammen mit einem Chor dirigiert werden, der anfangs vom Balkon aus einen wunderbar professionellen Stereo-Klang erzeugt. Dass die Schauspieler als Laien mitsingen, ist dabei ein Verfremdungseffekt. Auch schlüpfen die Schauspieler nicht in ihre Rollen, sondern erzählen uns die Romantextausschnitte ihrer Figuren und reden so von sich selbst in der Dritten Person.

Inszenierte Traumata

In dieser Form wird ein Familiendrama entfaltet: Ein Wirt und Bauer (Stefan Merki) hat aus Traditionszwang sein Erbe angetreten, obwohl er sich zum Sänger berufen fühlt. Er heiratet eine Bauerstochter (Annette Paulmann). Ihr gemeinsamer Sohn, der junge Seewirt (Steven Scharf), ist ein verstörter Mann, der sich vom Leben abgeschnitten fühlt. Familiäre Nähebeziehungen scheitern. Es schält sich heraus, dass daran – neben Verbiegungen durch Lebenszwänge – vor allem zwei Traumata schuld sind. Und das ist fantastisch inszeniert: Der alte Seewirt kommt zwar „gesund“ aus dem Krieg zurück, wie er seiner Verlobten verspricht. Aber das stimmt nur leiblich. Eine tabuisierte Kriegsverbrechenserinnerung hat ihn psychisch tief verwundet.

Als die Geschichte in ihm am Familientisch wieder hochsteigt, entzieht ihm der Sohn Tisch und Stuhl und damit den Boden unter den Füßen, bis der alte Mann schutzlos alles aufdeckt. Die grausame Ironie des Moments: Der Sohn hat für diese Öffnung seines Vaters keinen Platz. Er ist selbst zu stark mit seinen inneren Verletzungen beschäftigt, dem sexuellen Missbrauch als Schüler auf dem Klosterinternat. Seitdem gärt die Frage in ihm, warum seine Eltern ihn dort alleine gelassen haben.

Bierbichlers Roman aber ist mehr als Familienpsychologie. Und so haben auch die Regisseurin und ihre Dramaturgin Johanna Höhmann noch Bierbichlers Gesellschafts- und Geschichtspanoptikum als weiteres weites Feld eröffnet, aber lassen den Zuschauer darin herumirren.

Im Roman „Mittelreich“ finden sich satte, drastische Schlüsselszenen, und sie werden auf der Bühne aufgegriffen: wie zu Anfang eine Vergewaltigung einer jungen Ostpreußin durch Sowjetsoldaten. Es ist im Roman dieselbe Frau, die erst gegen Ende als altes Fräulein den Schlüssel zu ihrer Außenseiterrolle begreift – ihr Zwittertum. Das alles kann nur verstehen, wer den Roman gelesen hat. Sonst bleiben diese Szenen wie harte Brocken in das Stück hineingeworfen.

Kreidebleiche Sauschlachtung

Und warum diese Episoden von einem passend falsettierenden Schauspieler (Damian Rebgetz), aber lächelnd und ausgerechnet mit einem amerikanischen GI-Akzent erzählt werden, erschließt sich nicht.

So ergeht es auch anderen Szenen, die nicht auserzählt werden, wie dem Faschingsball 1954, bei dem eine als Hitler verkleidete Frau auftaucht, woran sich aber niemand stört. Und eine der drastischsten Szenen, eine Sauschlachtung, anhand derer im Roman das ganze ländliche Verhältnis zu Leben und Sterben verhandelt wird, bleibt hier kreidebleich – abgesehen vom eingesetzten tragikomischen Kochtopflied aus Orffs „Carmina Burana“.

So bildet sich vor allem eine Kette intensiver, oft unfreiwillig kryptischer Szenen, die nur lose zusammengehalten werden können. Dass der Zuschauer dennoch bei aller Schwere der erzählten Geschichten in einen instinktiv assoziativen Schwebezustand gerät, liegt auch an der Musik. Brahms’ Requiem gibt dazu die emotionalen, entscheidenden Stichworte: Fragen nach Trost und dem Ziel des Lebens. Denn an diesen Lebensfragen arbeiten sich alle Figuren hier ab. So ist den Kammerspielen mit ihrer Musik-Dramatisierung des Romans „Mittelreich“ eine spannende, neue Form gelungen, die aber nicht alles in den Griff bekommt.

Kammerspiele, wieder am 27. 11. und am 5., 6., 13., 26. und 28. 12. sowie noch im Januar, Karten: 10 – 41 Euro, www.kammerspiele-muenchen.de, Telefon 233 966 00

 

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