Prägende Jugenderinnerungen Der Roman "Sweet Sorrow" von David Nicholls

Der Autor David Nicholls. Foto: joSon/Gallery Stocks

Der britische Autor David Nicholls schreibt in seinem Roman "Sweet Sorrow" über die prägendsten  Jugenderinnerungen

 

Nach dem letzten Schultag blickt der 16-jährige Charlie eher ratlos als hoffnungsfroh in die Zukunft. Dass seine Mutter mit seiner Schwester zu einem anderen Mann gezogen ist, hat ihn aus der Bahn geworfen und die Schulnoten verhagelt. Der Vater, ein gescheiterter Jazz-Saxofonist und in Konkurs gegangener Plattenladenbesitzer, hat kaum noch die Energie, die Vorhänge zu öffnen. Er vegetiert, benommen von Pillen und Alkohol, vor dem Fernseher vor sich hin und lamentiert über den Niedergang des Musikgeschmacks. Doch dann stolpert die junge Fran buchstäblich in Charlies Leben und überredet ihn, am Sommertheaterprojekt "Romeo und Julia" teilzunehmen. Es wird der Sommer ihrer ersten, großen Liebe und einer des britischen Missvergnügens.

Puh, mehr Klischee geht eigentlich nicht, als David Nicholls als Ausgangslage für seinen Roman "Sweet Sorrow" auftischt. Doch der britische Autor ist ein Meister darin, seine Figuren so warmherzig und sympathisch zu zeichnen, dass man ihrem Schicksal als Leser gebannt und bedingungslos folgt. Schließlich bestand auch sein ebenso lustiger wir herzzerreißender Weltbestseller "Zwei an einem Tag" schon aus einer extrem konstruierten Ausgangslage: dem Treffen von Emma und Dexter über zwei Jahrzehnte stets am 15. Juli.

Aus dem richtigen Leben

Die Melange aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, gepaart mit rasantem Dialogwitz, überraschenden Wendungen und Charakteren wie aus dem richtigen Leben, kurz: Die schwere Anforderungsliste der angeblich so leichten Unterhaltung ist Nicholls Paradedisziplin. Die männlichen Protagonisten sind bei dem versierten Drehbuchautor stets die intellektuell Unterlegenen (mit dem Herz am rechten Fleck). Und wenn sie es mal schaffen, ihren – der Unsicherheit geschuldeten – Panzer aus Zynismus aufzubrechen und zu ihren Gefühlen zu stehen, dann geschieht das natürlich immer genau zum falschen Zeitpunkt.

So ist denn auch der Eiertanz, den Charlie um Fran aufführt, gespickt mit allerlei Hindernissen, zumal sein literarisches Interesse den Dichter aus Stratford-upon-Avon bislang noch nicht einmal gekreuzt hat. Den Text seines Parts als Romeos Cousin Benvolio bekommt er erst in den Griff, als ihm Fran als Julia persönliches Sprach- und Textverständnistraining angedeihen lässt. Dabei bleibt es natürlich nicht.

Nostalgie ohne Kitsch

Aber zuvor bricht Nicholls die Sommerillusion 1997 auf und springt Jahrzehnte weiter in Charlies Erwachsenenleben. Er steht kurz vor der Hochzeit, und seine Verlobte Niamh nötigt ihn, doch das "Shakespeare Girl" einzuladen, von dem er ihr schon so viel erzählt hat. Wird er sie wiedersehen? Und was hat die erste, unvergleichliche Liebe überhaupt auseinandergebracht?

Nicholls nostalgiegesättigte, aber nie kitschige Erzählung, ist nicht ganz so überdreht wie seine geniale Liebesgeschichte und Showbusiness-Satire "Ewig Zweiter". Aber nach den zuletzt leicht dunkleren Tönen im Roman "Drei auf Reisen" ist er nun zu seinem vertrauten Sound zurückgekehrt – als ein ebenso kluger wie vergnüglicher Beobachter menschlicher Beziehungen.

David Nicholls: "Sweet Sorrow" (Ullstein, 512 Seiten, 22 Euro) Am 10. Februar stellt Nicholls den Roman um 20 Uhr im Literaturhaus vor, Karten unter Telefon 29 19 34 27


 
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