Postume Ehrung des Lichtkünstlers Pinakothek der Moderne: "Ingo Maurer intim. Design or What?"

Die Explosion im Film "Zabriskie Point" von Michelangelo Antonioni inspirierte Maurer 1994 zum Entwurf "Zarbriskie". Als auf der Kunstmesse in Mailand ein Passant beim Anblick des zerbrochenen Porzellans "Porca Miseria" (Verdammte Scheiße“) rief, benannte Mauerer die Lampe so um. Foto: Stefan Geisbauer

Die Ausstellung "Ingo Maurer intim. Design or What?" in der Neuen Sammlung wurde zur postumen Ehrung des Münchner Lichtkünstlers.

 

Natürlich war er stolz. Aber wenn sich der große Erfolg erst mit 50 Jahren einstellt, hebt man nicht mehr ab. So hat er noch kurz vor seinem Tod im Oktober die sich damals noch im Aufbau befindliche Ausstellung "Ingo Maurer intim. Design or What?" inkognito besucht.

Mit Rollator ist er vorbei an seinem Klassiker "Giant Bulb" – eine Hommage von 1966 an die wissenschaftliche Formerfindung Edisons: eine Lampe in Form einer Riesenglühbirne. 1992 verlieh er dann der Glühbirne mit Gänsefedern Flügel: "Lucellino" war der perfekte Maurer-Entwurf: Leichtigkeit, Technik, Spiel. Das war 15 Jahre vor dem gesetzlichen Ende der Glühbirne, zu der Maurer sagte, der glühende "Wolframfaden ist das letzte Feuer der Menschheit".

Der Wolframfaden als letztes Feuer der Menschheit

Wie ein Prometheus wollte Maurer den Menschen Licht und Lichträume schenken, die ihnen Freude und Geborgenheit geben. Und als Halogen und dann LED kamen, prophezeihte er einen Anstieg psychiatrischer Patienten, weil die Kälte des neuen Lichts uns permanent stressen würde.

Aber Maurer war kein Nostalgiker, eher ein moderner Romantiker. Und so integrierte er auch schnell das neue Licht in seine Arbeit, umgab es mit seinen klassischen Materialien wie Papier, Porzellan, klaren Farben und Metall, das er zum Leuchten bringen wollte. Es entstand noch dieses Jahr ein "Festa delle farfalle": eine Art hängender, filigrandrahtiger Schmetterlingsbaum.

Niedervoltdrähte als Umsetzung von Straßenstromkabeln 

Wenn man durch die Ausstellung der neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne geht, ist man berührt und verzaubert von der Vielfalt der Entwürfe, die nicht immer verspielt sind, sondern ihre Ästhetik auch aus einer streng technischen Schönheit beziehen können.

An einem Neujahrsmorgen soll Maurer in den Himmel einer Straßenschlucht in Südostasien geschaut haben – und die Kabel und Stromleitungen inspirierten ihn zu einer Idee, die millionenfach kopiert wurde und ab Mitte der 80er von Bürogebäuden bis in Schlafzimmer hineinführte: "YaYaHo" – zwei gespannte parallele Niedervoltdrähte, zwischen die man frei Halogenlampen an Stäben einhängen konnte.
Und hier leuchtet ein weiteres Element von Maurer-Design auf: der Mitmacheffekt, eine Art hochkultureller Ikea-Stil, bei dem man selbst das Lichtkunstwerk mitgestalten und aufbauen muss.

Ingo Maurer: Plagiatoren waren ihm egal

Plagiatoren waren Maurer seltsamerweise egal, vielleicht auch, weil sie ja das Geniale seiner Erfindung bestätigten. Überhaupt sah sich Maurer als Künstler, der in seinen großen Studios und Manufakturen in München und New York zwei Berufsgruppen ablehnte, die viele Künstler besonders um sich herum schätzen: Juristen und Marketingleute.

Auf beide verzichtete Maurer weitgehend, was nach seinem Tod durchaus ein Problem darstellt, weil Ingo Maurer sich selbst für unsterblich hielt, verbot, die Ausstellung eine "Retrospektive" zu nennen. So einigte man sich auf "Werkschau", aber seit Maurers am 20. Oktober steht sein großes Team ohne ordnenden Anweisungen da.

Pinakothek der Moderne: Neues vom Katzentisch

Wer Mitarbeitern zuhört, erfährt etwas von Ingo Maurers unorthodoxer Arbeitsweise. Der Meister selbst hatte keinen eigenen Arbeitsplatz, sondern ging von Tisch zu Tisch seiner Designer. Eigene Entwürfe entstanden oft – fast klischeehaft – auf Servietten, wie auch im Katalog zur Ausstellung abgebildet.

Und wie konnte man ihn beeinflussen, wenn man als Mitarbeiter eine Idee hatte? Es gab im Atelier einen "Katzentisch" , auf dem man Dinge – wie zufällig – ablegen konnte: Alltagsgegenstände, Fundstücke oder Technikteile, wie vom Handwerker vergessen. Und daraus entwickelte Maurer dann oft neue Ideen, aber immer zusammen mit seinen Mitarbeitern.

Warme, würdige, heitere Leichtigkeit

Der Werkstoff Papier ist eine asien-inspirierte Idee, die Maurer von Dagmar Mombach aufnahm, und das Produkt heißt dann auch MaMo Nouchies" – "Mo" für Mombach. Das sich zur Schnecke schraubende, riffelig gefaltete Papierband, das in der Drehung eine verborgene Lichtquelle hat, verbreitet eine warme, würdige, heitere Leichtigkeit, dass man beim Betrachten unwillkürlich lächelt.

Und eine irritierend moderne, aber elegant-schöne Lichtidee sei Kirchenräumen empfohlen: "Flying Flames". Von der Decke hängen metallene Stäbe. Im obersten Teil flackern aus winzigen LED-Punkten Kerzenflammen-Bilder: original vom wächsernen Vorbild abgefilmt, einprogrammiert und in einem 30-Sekunden-Loop abgespielt. Schönster Technizismus ohne Kälte.
    
Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne, bis Oktober 2020, täglich 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, 7/5 Euro, So: 1 Euro
(Katalog, Koenig Books, 25 Euro)

 


 
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