Portugal Algarve: Wo der Kork wächst

São Brás de Alportel - Der alte Baum bekommt selten Besuch. Manchmal nur wandern ein paar Urlauber mit Picknick-Rucksäcken vorbei, ganz selten breiten sie ihre Decken unter ihm aus. Inzwischen nehmen sie meist andere Wege, seit der Wind in einer stürmischen Sommernacht einen hölzernen Pfeil umgeworfen hat und Thymian und Rosmarin den einstigen Wegweiser nun überwuchern. Aber José Galego schaut ein-, zweimal im Jahr vorbei. Er braucht kein Hinweisschild, kommt seit Kindheitstagen, kennt den Baum, seit er denken kann. Er streicht dann fast zärtlich mit der rechten Hand über den Stamm, hält die Nase ganz nah an die schorfige Rinde heran, und für eine Sekunde sieht es so aus, als wollte der bald 80-jährige Mann die knorrige Eiche küssen.

 

Galego schaut den Stamm hinauf, schnuppert an anderen Stellen, streichelt wieder. Und macht sich am Ende eine Notiz. Manchmal hockt er sich anschließend hier ins Gras, lehnt dann seinen Rücken an den kräftigen Stamm, holt Wurst und Brot und Käse heraus und bereitet sein Picknick, hält manchmal auch ein kurzes Mittagsschläfchen, während die Sonne hier im Hinterland der Algarve durch die Blätter blinzelt. Als ob der Baum und er alte Mann Freunde wären. Alle neun Jahre bringt Galego eine spezielle Schäl-Axt mit und einen Traktor mit Anhänger. Dann ist er zur Ernte da. Er nimmt seinem Baum und ein paar Dutzend anderen in dem Waldstück hier bei Farrobo eine halbe Autostunde von Faro die Rinde ab. Er erntet den Kork - und achtet dabei genau darauf, die unterste Zellschicht nicht zu verletzten, damit alles wieder nachwächst und er möglichst lange und möglichst oft ernten kann. Und möglichst viel. 150 Jahre alt kann so ein Baum werden - und bis zu 18-mal geschält.

Im Jahr 2023 wird jemand anders kommen

Hat er die Rinde abgetragen, klopft er den großen Baum zärtlich, als wären sie alte Kumpel, die sich jetzt länger aus den Augen verlieren und doch sicher sind, dass es eines Tages ein Wiedersehen geben wird. Galego sprüht mit Farbe eine Jahreszahl auf den Stamm oberhalb der Erntegrenze - die 14 für 2014. Zur nächsten Ernte im Jahr 2023 wird jemand anders kommen. Galego wäre dann fast 90. Aber zwischendurch wird er vorbeischauen, zum Streicheln und Schnuppern, um zu schauen, wie sich die Rinde entwickelt. Um seine Notiz zu machen. Und um im dünnen Gras mit dem Rücken an dem alten Baum zu sitzen und zu entspannen. Die Wälder hier im Süden Portugals sind eher Haine als Dickicht. Viele Korkeichen sind sehr gut zugänglich. Sie sind Nutzland, und die Bäume brauchen einen gewissen Freiraum, um reichlich Rinde zu entwickeln. Seit Jahrhunderten ernten Kleinbauern hier Kork und verkaufen das Rohmaterial an weiterverarbeitende Betriebe.

60 solcher Fabriken gab es hier noch vor zehn Jahren. Sechs sind es heute geblieben - weil die Nachfrage nach Kork rückläufig ist und immer mehr Winzer - anders als ihre Väter - Plastikkorken nicht mehr als Kulturbruch ansehen, sondern auf das Material aus dem Chemiebaukasten umgestiegen sind. Hier in Portugal und anderswo in der Welt. Was aus den Wäldern werden soll, wenn ihr Rohstoff nicht mehr gebraucht wird? Aus diesen grünen Bändern, die sich scheinbar endlos weit über sanfte Hügel spannen und zwischen denen manchmal eines dieser kleinen Dörfer mit den kopfsteingepflasterten Straßen und den weiß getünchten ein- und zweigeschossigen Häusern kauert, mit Tante-Emma-Laden und Bar, mit kleinem Restaurant manchmal und mit Tankstelle. Nichts, solange niemand das Land für etwas anderes braucht. Das wäre das Beste - jedenfalls für das Gesicht dieser Gegend. Es würde ein Stück altes Portugal in eine neue Zeit hinüberretten.

Der Tourismus kann dabei helfen. Deshalb werden nun Wanderwege ausgeschildert, Bereiche unter Naturschutz gestellt, deshalb ist die touristische „Route des Korks“ ins Leben gerufen worden. Und aus demselben Grund hoffen die Herbergsväter von Kleinstadthotels ebenso wie die Wirte nur ein paar Zimmer großer Dorfpensionen nun auf den Tourismus, der sich bisher fast ausschließlich entlang ihrer Küsten abspielt. José Galego hat noch nie verstanden, warum all die Fremden von weit her nicht viel zahlreicher ins Hinterland strömen, den hausgemachten Kuchen und die Süßigkeiten seiner Tochter in der kleinen Konditorei der Familie kaufen, den Honig vom Imker aus dem Nachbarort oder das kaltgepresste Olivenöl aus der Mühle zwei Orte weiter. Manchmal sind Ameisen da und laufen den Stamm hoch, wenn Galego seinen Lieblingsbaum besucht. Ab und zu turnen Bienen über die riesigen Distelblüten in der Nachbarschaft. Sie sind es, die mit ihrem Summen für die Akustik in den Korkeichenwäldern sorgen - zusammen mit den Vögeln, die hier singen und die Landschaft in so etwas wie ganzjährigen Sommer-Sound verpacken.

„Es sind Hunderte Bäume, Tausende vielleicht“

Die nächste größere Straße ist meist weit, und nur manchmal sind beim Wandern von irgendwoher Kirchturmglocken oder die Fahrgeräusche eines Traktors zu hören. Dabei ist der Baderummel an den Stränden der Algarve und den Pools der Ferienhotels kaum 25 Kilometer entfernt und doch gefühlt eine halbe Welt weit weg. Ob seine Familie diese Bäume gepflanzt und das Waldstück hinterm Haus angelegt hat? „Es sind Hunderte Bäume, Tausende vielleicht“, murmelt Galego, lehnt sich an den Stamm und schließt die Augen. „Niemand hat sie gepflanzt, sie kommen von selbst, neulich erst wieder einer: Er kam mitten im Garten aus dem Boden.“ Tatsächlich sind die Wälder seit Jahrhunderten in Plantagen-Manier kultiviert - nicht angepflanzt, um das Holz eines Tages schlagen zu können, sondern vielmehr, um über möglichst lange Zeit hinweg immer wieder ihre Rinde ernten zu können. Gut 50 Euro bekommt ein Bauer für 15 Kilo davon in guter Qualität.

Doch gewogen wird erst 20 Tage nach Anlieferung. Bis dahin verliert die Rinde durch die Trocknung noch jeden Tag ein Prozent an Gewicht. Anschließend wird sie eine Stunde bei 100 Grad zur Desinfektion gekocht, dann gepresst, schließlich wieder getrocknet, zugeschnitten, weiterverarbeitet. Auriliano André ist seit 55 Jahren in der Korkfabrik bei São Brás de Alportel beschäftigt. Mit elf hat er hier angefangen. Was ihn der Job gelehrt hat? „Viel“, sagt er. „Zum Beispiel, keinen Wein mit Plastikverschluss zu kaufen. Denn dem fehlt das Leben.“ Das sieht César Correia genauso. Ihm gehört die modernere Korkfabrik Nova Cortica ein paar Straßen weiter. Er ist stolz auf die Ideen seiner Tochter: Sie hat Handtaschen und Regenschirme aus Kork entwickelt, setzt das flexible Material wie Leder ein, sogar Korkfußbälle und -gürtel gibt es nun.

Ob er als Fabrikant eine Beziehung zu den Bäumen hat? Er schaut kurz irritiert, antwortet dann: „Oh ja, nicht zu jedem zwar, aber zu einem ganz besonders. Zu der Korkeiche, in deren Schatten ich erstmals meine künftige Frau geküsst habe. Heimlich, weil die Eltern noch nichts wissen sollten.“ Den Baum gibt es noch heute. Sie gehen an den Feiertagen mit ihren Kindern dorthin, nehmen Picknicksachen mit. Und manchmal kommen Fremde vorbei, die kurz grüßen: die ersten Wander-Urlauber auf Tour durch die Korkeichenwälder.

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