Pop So ist die neue CD von Lady Gaga

Die US-amerikanische Sängerin Lady Gaga im Berghain in Berlin. Foto: dpa

Nachdem Lady Gaga sich in den letzten Wochen in immer neuen Verkleidungen zeigte, ist jetzt ihre CD „Artpop“ erschienen

 

"Artpop“ also heißt ihr neues Album. Es war einmal, da wollte Kunst Pop sein. Heute, sagt Lady Gaga, ist ihr Pop Kunst. Mehr noch. In den Credits dankt sie allen Freunden, die an die Philosophie des Artpop glauben und sie leben. Seit Längerem ist die Lady mit Yoko Ono befreundet. In einem Werbevideo für das Institut der Performance-Künstlerin Marina Abramovic sah man sie nackt.

Artpop, das scheint eine wertvollere Sorte Pop zu sein. Der Titel klebt wie der „Parental-Advisory-Sticker“ als Gütesiegel auf dem Cover. Das hat Jeff Koons gestaltet, der für eine überschaubare Phase der Kunstgeschichte mit schauerlichem Kunsthandwerk amüsierte, bis die Überproduktion seinen Camp-Spaß zu Kitsch reduzierte.

Jetzt sitzt eine Gaga-Skulptur, die durchaus Ähnlichkeit mit der einstigen Koons-Gattin Ilona Staller hat, im Bild, die Brüste verdeckend, vor dem Schritt eine blaue Wahrsagerkugel, während hinter ihr Botticellis „Geburt der Venus“ in Strahlenfragmente zersplittert.

Gaga als Michael-Jackson-Zombie, Gaga als plastikweißer Engel, Gaga im Kostüm einer Porzellanfigur, Gaga als schwarze Cyborgwitwe, Gaga als derangierte Figur wie aus einer Pekingoper, Gaga mit einer Art dreieckigem Fellkäse auf dem Kopf und natürlich Gaga als Venus in Furs mit Schnurrbart. Man kann diesen seit Wochen anhaltenden Karneval als frei flottierendes Rollenbewusstsein bejubeln, das Männer, Frauen und alles dazwischen remixed. Als hätte es David Bowie, Grace Jones, und Klaus Nomi nie gegeben. Dieser Pop darf keine Geschichte haben, er muss als Neuerfindung für eine ahistorische Generation funktionieren. Was ist mit Madonna, die vor Jahrzehnten begann, die kaleidoskopartige Rollenabfolge zum Showmotor zu machen? Sie ist alt – sagt man.

Bevor der erste Ton des neuen Albums zu hören war, hatte die Red-Carpet-Performerin eine Spekulationsblase erzeugt, einen Derivatehandel mit Musik der Zukunft. Jetzt ist das Album auf dem Markt, und die Erwartungsanleger gucken, wie sich ihr Aktienkurs entwickelt.

Gaga beherrscht die Kunst der ersten Auftrittsverblüffung: Es beginnt mit dem reduzierten Flamencorhythmus einer akustischen Gitarre. Wenn die E-Gitarre dazukommt, biegt es ab in einen David-Lynch-Soundtrack, zu dem die Gaga mit Séancen-Stimme zu Protokoll gibt, sie habe ihr früheres Ich getötet und im Kofferraum eines Wagens auf dem Highway 10 versteckt. Das Messer sei unter der Motorhaube. Wer es findet, soll es nach Hollywood schicken. Nach gut einer Minute setzt der Körperertüchtigungsdiscobeat ein.

„Mein Artpop kann alles bedeuten“, singt sie im Titelsong – im Sound ein moderner Wiedergänger von Blondie. Wer alles sein kann, ist möglicherweise auch nichts – da muss man nur die Postmoderne fragen, die heute auch keiner mehr gemocht haben will.

Schon die kleine persönliche Idee, einen Schluckauf in den Beat zu bauen, gibt „Swine“ als Gegenbeispiel Wiedererkennbarkeit. „Donatella“, „Fashion“ – zum schicken Catwalk-Beat geht’s um Mode, Musik und Verzweiflung (vgl. Roxy Music). Zum immer gleichen Discorumms trifft sie Mary Jane in Holland. Bisschen Kiffen geht wieder als Jugendgefährdung durch.

„Dope“ ist die fällige Pianoballade über Liebe und Absturz, in der Gaga ihre Stimme ausfahren kann. „Applause“, die Single als letzte Nummer. Im Dark-Wave-Ambiente des Beats dreht sich das narzistische Ich einer finsteren Stimme rasend um sich selber. Im Video rotiert eine Sängerin, die an Gustav Gründgens’ Mephisto erinnert. Pop als Teufelspakt, der Zauberkräfte schafft – dieses Album kennt Magie nur aus den Erzählungen der Alten.

Lady Gaga: „Artpop“ (Interscope / Universal)

 

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