Politik Trotz Schuldspruch: Chodorkowski bleibt unbeugsam

Bleibt unbeugsam wie ein Held in einem Tolstoi’schen Drama: Reform-Kämpfer und Milliardär Michail Chodorkowski nach der Urteilsverkündung. Foto: dpa

Ein Männer-Drama wie bei Tolstoi: Mit einem politischen Prozess räumt Russlands starker Mann Putin seinen Intimfeind Chodorkowski ein zweites Mal aus dem Weg. Doch der bleibt unbeugsam.

 

MOSKAU Er ist einer der berühmtesten Gefangenen der Welt – und bleibt das bis auf weiteres auch: Michail Chodorkowski hat auch die zweite Machtprobe mit Russlands starkem Mann Wladimir Putin verloren. Wegen Steuerhinterziehung und Betrugs sitzt der einst reichste Mann des Landes schon seit Jahren in Haft, eigentlich hätte er im nächsten Jahr freikommen sollen. Jetzt kommt eine neue Strafe dazu: Wegen Öldiebstahls und Geldwäsche verurteilte ihn gestern ein Moskauer Gericht. Er soll das gesamte Öl, das er mit seiner Firma Jukos zwischen 1998 und 2003 produzierte, „gestohlen“ und das Geld gewaschen haben.

Doch diese Vorwürfe hatten zahlreiche Zeugen in dem 20 Monate dauernden Verfahren als absurd bezeichnet. Das Strafmaß ist noch offen, in jedem Fall aber wird es seine Haftzeit gehörig verlängern.

Damit hat Wladimir Putin dann auch sein Hauptziel erreicht. Denn weswegen Chodorkowski sitzt, ist aus seiner Sicht egal – Hauptsache dass. Putin will 2012 vermutlich wieder als Präsident kandideren und dann ausschließen, dass ihm sein Intimfeind in die Quere kommt. Momentan ist Putin „nur“ Regierungschef, die Verfassung verbot ihm bei der letzten Wahl eine neue Kandidatur. Die lief dann auf Dmitri Medwedew hinaus.

Chodorkowski gegen Putin: Das ist eine Konstellation, bei der vielen Russen als Vergleich nur die Dramen von Tolstoi einfallen. Krieg und kein Frieden – zwischen den beiden Alphatieren herrscht schon seit Jahren offene Feindschaft. Chodorkowski hatte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Öl-Imperium aufgebaut, auf rustikale Weise zwar, aber sehr effektiv wirtschaftend. Dann begann er mit etwas, was ihn auf die rote Liste bei Putin brachte: Interesse für Politik. Chodorkowski finanzierte soziale Reformprojekte, setzte sich für eine demokratische Gesellschaft ein, finanzierte ihm sympathische Parteien mit und prangerte ganz offen die Korruption im Staatsapparat an.

So wie andere mächtige Figuren Russland erregte er damit das Missfallen Putins. Doch während sich manche beugten, blieb Chodorkowski standhaft. Das brachte ihm 2003 die Festnahme und 2005 das Urteil: Straflager in Sibirien. Auch im neuen Prozess blieb der einstige Milliardär unbeugsam wie ein Held im Drama: „Die Dinge, an die ich glaube, sind wert, dafür zu sterben. Ich glaube, das habe ich bewiesen.“

Vor dem Gericht demonstrierten Hunderte von Putin-Gegnern. Auch das Ausland hat kaum Zweifel, dass in Moskau ein politischer Schauprozess stattfand. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, zeigte sich „empört“. Löning: „Das Urteil wirft kein gutes Licht auf die Zustände in Russland.“

mue

 

0 Kommentare