Politik Mein Schloss, mein Dorf, mein Pfarrer

In Berlin auf der Kabinettsbank fremdelt er noch ein bisserl: Karl Theordor zu Guttenberg Foto: schmalz

GUTTENBERG - Hier hat der adelige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, seine Hausmacht. Die AZ auf Besuch in Guttenberg in Oberfranken.

Der erste Guttenberg-Tourist war schon da. Er kam aus Würzburg und wollte eigentlich woanders hin. Auf dem Schild sah er den Namen, der ihm seit Neuestem ein Begriff ist, und fuhr einfach hin. Im 600-Einwohner-Dorf Guttenberg, 25 Kilometer von Bayreuth entfernt, erzählen sie sich diese Geschichte voller Stolz. „Wir sind Minister!“, sagt Pfarramts-Sekretärin Anke Schmidt. „Guttenberg wird jetzt weltweit bekannt“, sagt Hans-Erich Warthona, der mit seinem Hund vorbei spaziert. An diesem Morgen hat Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Amtseid geleistet. Eigentlich hat das oberfränkische Guttenberg wenig zu bieten, mit dem Auto ist es in zwei Minuten durchfahren. Der einzige Tante-Emma-Laden hat nur bis elf Uhr auf, das Dorf liegt im Funkloch. Doch Guttenberg ist der Erstwohnsitz von Karl-Theodor zu Guttenberg.

Der Name der Gemeinde stammt von seiner Familie. Im Jahr 1148 wurde erstmals ein Familienmitglied derer von Guttenberg erwähnt. Seitdem stieg die Familie auf, ließ ein Schloss über dem Dorf errichten. Sie hatten das Recht, Todesurteile auszusprechen und am Galgen bei der Schlossmühle zu vollstrecken. Könige kamen und gingen – die Macht der Guttenbergs blieb.

Heute ist die Familie dank Beteiligungen an Weingütern und Kliniken millionenschwer. Gegenüber den Bürgern zeigen sie sich wohltätig, dafür verehren die Guttenberger ihre Adels-Familie. Eugen Hain sitzt in seinem zugigen Büro. Der Bank-Angestellte ist seit 1996 Bürgermeister. Hinter ihm prangt das Gemeinde-Wappen. Darauf: die goldene Rose, das Wappen der Familie Guttenberg. Neben ihm hängen die Portraits der drei Ehrenbürger. Einer ist ein Alt-Landrat, die anderen heißen Guttenberg: Karl Theodor, der Opa des neuen Ministers, der Parlamentarischer Staatssekretär unter Kurt Georg Kiesinger war. Und Vater Enoch, der berühmte Dirigent, der so gerne mit der Pferdekutsche durch den Ort fährt.

Eugen Hain schwärmt über den „Kall-Deodor“ und dessen Familie: „Das Verhältnis zur Dorfgemeinschaft ist sehr gut.“ Bei Feuerwehrfesten macht meist einer der Adligen den Schirmherrn, auch die Senioren-Weihnachtsfeier wird gesponsert. Und wenn die Gemeinde mal Land brauche, dann zeigten sich die Guttenbergs stets großzügig – ihnen gehört hier eh fast alles.

Den Kontakt zu seiner Heimat habe „KT“ nie verloren. Als er hier noch gewohnt hat, kickte er in der Seniorenmannschaft des TV Guttenberg. Als er Bundestagsabgeordneter war, bekam jeder Bürger einen Termin.

„Reichsfreiherr“, doziert der Bürgermeister, sei die korrekte Titel-Bezeichung. „Und mit ,Baron’ spricht man ihn an. Die Titel muss man hier wissen.“ Es ist diese typische Ehrfurcht, die im ganzen Ort auffällt. „Er hat seinen eigenen Status“, sagt Hain. „Er ist halt der Baron.“

Die Schranke vor dem Schloss ist offen. Bevor Bürgermeister Hain sich verabschiedet, zeigt er noch das Wohnhaus des Ministers: Ein zweistöckiges Haus mit Giebel-Fenstern. Die Handwerker renovieren. Der Hausherr wird so schnell nicht mehr kommen können. Im Schloss wohnt Enoch zu Guttenberg, völlig zurückgezogen. Öffentliche Führungen gibt es nicht.

Der katholische Minister kann den evangelischen Pfarrer bestimmen

Das Pfarrhaus von Günter Weigel liegt im Schatten des Schlosses. Sein Bewerbungsgespräch vor 19 Jahren hatte der evangelische Pfarrer bei Enoch zu Guttenberg. Der Grund: Der Reichsfreiherr ist Patronatsherr der evangelischen Pfarrei – seit Jahrhunderten. Der Adlige unterstützt die Kirche finanziell und darf im Gegenzug den Pfarrer bestimmen. „Das Patronat wird eines Tages auf Karl-Theodor übergehen“, sagt Pfarrer Weigel. Obwohl die Guttenbergs katholisch sind.

Auch Weigel ist ein wenig stolz, wenn er von „den Herrschaften“ redet. Einmal im Jahr darf er zum Kaffee vorbeikommen. Und er hat Guttenberg und seine Frau Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen getraut – ökumenisch. Ansonsten bleibt Schloss Guttenberg aber höheren Kreisen vorbehalten. Weigel erzählt von adligen Gästen, von Gesellschaften, von Jagden. Er zählt die Schloss-Bediensteten auf: ein Diener, ein Stallmeister, eine Hausdame, zwei Köchinnen, zwei Haushälterinnen. Es ist des Pfarrers Welt. „Die gewaltige Familiengeschichte merkt man ihnen schon an“, sagt Weigel. Über Guttenberg sagt er: „Das Kumpelhafte ist nicht seine Art. Gegenüber Fremden ist er eher der vornehme, höfliche Typ.“ Es gebe schon einige im Dorf, die kritisch gegenüber dem ganzen Adels-Gehabe gestimmt seien. „Aber laut sagt das keiner.“

Volker ter Haseborg

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