Politik Kairo liegt ganz nahe: Was der Aufstand für uns bedeutet

Bei den Protesten in Kairo kam es zu zahlreichen Verletzten Foto: dpa

KAIRO - Die Unruhen am Nil gehen uns mehr an, als viele denken: Höhere Ölpreise verteuern das Leben und bedrohen den Aufschwung. Ein Pulverfass – das jetzt explodiert ist.

 

Die Bilder aus Ägypten fesseln: Wütende Menschen werfen mit Steinen, schwenken blutbeschmierte Fahnen, skandieren Parolen. Ein paar deutsche Urlauber haben ihren Tauchurlaub abgesagt oder sind früher zurückgeflogen. Aber sonst – so denken viele – ist Kairo doch ziemlich weit weg. Wirklich? Ganz und gar nicht: Der Aufstand in der arabischen Welt kann sich auch bei uns in Europa, in unserem Alltag massiv auswirken. Wie genau, erklärt die AZ:

Der Ölpreis steigt und steigt. Ägypten ist zwar selbst kein Förderland, kontrolliert aber den strategisch wichtigen Suez-Kanal, durch den Tanker rund eine Million Barrel Rohöl aus der Golfregion ins Mittelmeer bringen. Schon jetzt ist die Nervosität spürbar, der Ölpreis geht durch die Decke: Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete gestern 103,24 US-Dollar – so viel wie seit knapp zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Unruhen weitere Kreise ziehen: Libyen ist der zweitgrößte Ölversorger für Deutschland nach Russland. Saudi-Arabien ist zweitgrößter Ölförderer der Welt, nach Russland und vor den USA. Zwar hat EU-Energiekommissar Günther Oettinger versichert, es gebe keine Gefahr für die Energieversorgung. Doch Leon Leschus vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut ist sich sicher, eine Ausweitung der Unruhen „hätte dramatische Folgen für den weltweiten Ölmarkt.“

Was merkt der normale Verbraucher? Alles wird teurer. Wenn Öl teuer ist, sind es auch Gas und Kohle. Und hohe Energiekosten verteuern alle Schritte der Produktionskette: Herstellung, Lagerung, Transport. Dazu kommen die hohen Rohstoffpreise. Das Ergebnis: Produkte wie Kleidung, Lebensmittel oder Autos werden für den Endverbraucher teurer. Das Bankhaus Metzler rechnet mit Inflationsraten von vier Prozent für 2011, der Aufschwung würde abgewürgt.

Wie sieht’s mit der Wirtschaft aus? Börsen-Anleger reagieren beunruhigt, sie ziehen ihr Kapital aus arabischen Märkten ab. Betroffen sind auch deutsche Firmen, die vor Ort ihre Produktion vorläufig stilllegen mussten. Papiere des Autozulieferers Leoni gaben am Montag zeitweise um mehr als fünf Prozent nach. Auch Aktien von Autobauern leiden: Anleger fürchten um den Welthandel. Deutsche Firmen haben rund 350 Millionen Euro in Ägypten investiert, jedes Jahr exportieren wir Waren im Wert von 2,66 Milliarden Euro in das Land. Jetzt schon schwer getroffen ist die Tourismusbranche: Die Unruhen kosten alleine den Reiseveranstalter Tui Travel rund 35 Millionen Euro Gewinn.

Woher kommen die Unruhen überhaupt? Es liegt nicht nur an Diktatoren und Despoten, die ihr Land mit Terror überziehen. Auch der Westen trägt Schuld an der verzweifelten Lage der Menschen in Nordafrika: Weil Finanzinvestoren weiterhin ungehindert auf die Verknappung von Lebensmitteln spekulieren können.

Spekulation verschlimmert die Lage, die durch Missernten und Naturkatastrophen ohnehin schon dramatisch ist. So explodieren in den armen Ländern die Preise für Getreide, Zucker, Gemüse. Die Menschen müssen zum Teil bis zu 80 Prozent ihres Einkommens nur für Nahrung aufwenden. Erst am Donnerstag meldete die UN-Ernährungsorganisation FAO eine noch nie dagewesene Lebensmittelteuerung. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn warnt: „Durch die Inflation drohen weltweit Kriege.“ Dazu kommt hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Perspektiven, Unterdrückung. Ein Pulverfass – das jetzt explodiert ist. Annette Zoch

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