Politik Blutige Tragödie auf der „Solidaritätsflotte“

Die Schiffe wollten Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen. Foto: dpa

TEL AVIV/LARNAKA - Ein Elitekommando der israelischen Armee hat im Mittelmeer gewaltsam die Schiffe der „Solidaritätsflotte“ für den Gazastreifen übernommen. Zwei Bundestagsabgeordneten der Linken waren an Bord, ebenso der Autor Henning Mankell. Bis zu 16 Tote.

 

Israel hat in der Nacht zum Montag einen Schiffskonvoi im Mittelmeer gewaltsam gestoppt: Der Konvoi war illegal auf dem Weg in den Gaza-Streifen. Bei der Stürmung töteten israelische Soldaten mindestens zehn Menschen, 50 wurden verletzt.

Was genau sich in der Nacht abspielte, ist immer noch unklar. Ein Reporter an Bord eines der Schiffe sagte, die Soldaten hätten schon geschossen, bevor sie aufs Schiff kamen. Das israelische Militär dagegen erklärte, die Soldaten seien zuvor schon mit Messern und scharfer Munition attackiert worden.

Der Hintergrund: Seit einigen Tagen befinden sich sechs Schiffen von Zypern aus auf dem Weg nach Gaza. Auf den Schiffen befinden sich rund 700 pro-palästinensische Aktivisten der Organisation „Free Gaza“ und 10000 Tonnen Hilfsgüter, die im Hafen von Gaza übergeben werden sollten. Allerdings hat Israel über Gaza eine Seeblockade verhängt, um Waffenschmuggel in das Hamas-Gebiet zu verhindern. Israel bot den Aktivisten an, die Hilfsgüter an einem isrealischen Hafen zu löschen und nach Gaza zu transportieren.

Ein Militärsprecher sagte, die Aktivisten hätten „den Angriff geplant“. Verteidigungsminister Ehud Barak sprach von einer „politischen Provokation“.

Die Organisatoren der Schiffsaktion stritten ab, von sich aus angegriffen zu haben. Eine Sprecherin sagte, Israels Reaktion sei „abscheulich“.

An Bord der Schiffe sind auch Deutsche, unter anderem zwei Bundestagsabgeordnete der Linkspartei. Weiterer prominenter Gast: Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell. Sowohl der Verlag Mankells als auch die Büros der Abgeordneten sagten auf AZ-Anfrage, sie hätten derzeit keinen Kontakt zu den Schiffen, die in den Hafen von Ashdod (Israel) abgeschleppt wurden.

Für Israel ist die Eskalation von Montag ein Alptraum. Sein internationales Ansehen leidet weiter, insbesondere die Beziehungen zur Türkei kühlen ab: Das Schiff, auf dem es die Toten gab, fährt unter türkischer Flagge. Die türkische Regierung zog ihren Botschafter aus Jerusalem ab.

Die Schiffe sollten Güter in den Gaza-Streifen bringen, die dort wegen der seit 2007 bestehenden Blockade fehlen, vor allem Baumaterialien. Israel sagt, es lasse genügend humanitäre Güter in den Gaza-Streifen – im Jahr 2009 eine Million Tonnen, also hundert mal so viel wie der Schiffskonvoi geladen hatte.

Mit der Blockade reagierte Israel damals auf die Machtübernahme der radikalislamische Hamas, die den Staat Israel nicht akzeptiert. Gaza ist besonders arm: 80 Prozent der 1,5 Millionen Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze, die Hälfte ist unter 15 Jahre alt.

Anfang 2009 bombardierte Israel das Gebiet wochenlang, nachdem die Hamas im Jahr zuvor 3000 Raketen auf israelisches Territorium abgefeuert hatte. rg

 

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