Platz 1 in den Kino-Charts Kritik: Das macht "Joker" zum Kino-Film des Jahres 2019!

Ihr werdet mich sehen müssen: Joaquin Phoenix wartet als Arthur Fleck in "Joker" auf den Auftritt in der Talkshow von Robert DeNiro. Foto: Niko Tavernise/Warner Bros. Entertainment/dpa

Seit Donnerstag lockt der Film "Joker" die Besucher in die deutschen Kinos. Das Thrillerdrama erzählt die Entwicklung von einem psychisch angeschlagenen Mann zu einem zynischen Mörder. Mit intelligenten, provokanten, aktuellen gesellschaftlichen Bezügen und Fragen ist das Thrillerdrama ein Meisterwerk - und Joaquin Phoenix der Oscar quasi sicher. 

 

Im fahlen Licht, das die herbstliche Straßenschlucht durch schmuddelige Fenster hereinlässt, sitzt Arthur Fleck am Schminktisch. Das Büro der Künstleragentur wirkt wie übriggeblieben aus einem desillusionierten Krimi der Schwarzen Serie: die Zeit, als "Batman" vor genau 80 Jahren in den Ausläufern der Weltwirtschaftskrise und Verelendung in Gotham City begann, für zweifelhafte Ordnung zu sorgen. 

"Joker": Ein netter Kerl wird zum zynischen Gewalttäter

Arthur setzt vor dem Spiegel die Clownsschminke ab und zieht mit dem roten Zeigefinger die Mundwinkel im roten Lachmund nach oben zur lachenden Fratze, entblößt den Kiefer mit seinen Zahnreihen, so dass fast eine totenschädelhafte Fratze entsteht. Dass Clowns oft etwas Grauenhaftes haben können, damit spielen viele Kunstwerke - bishin zu Steven Kings "Es".

Hier aber spielt noch Tieferes mit: Es ist die Tragik eines eigentlich lieben Kerls, der zum gewaltvollen Zyniker wird. Es ist die unbequeme Frage nach der Entstehung des Bösen - und damit auch die Frage an uns, was wir und unsere Gesellschaft damit zu tun haben. 

Markantes "Joker"- Lachen ähnelt einem wahnsinnigen Heulen 

Nur vordergründig ist die Idee des Films nicht sonderlich originell: Aus einer ewig erfolgreichen, zig Mal filmisch ausgeschlachteten Comic-Vorlage ist jetzt der Antiheld zu Batman, der teuflische Joker, ausgekoppelt. Cesar Romero, Jack Nicholson, Heath Ledger - sie alle haben schon den Joker gespielt. Einer aber lacht jetzt alle anderen quälend aus unserer Erinnerung: Joaquin Phoenix, der hier ausgemergelt und geschunden zum Schmerzensmann wird.

Sein Lachen ist manchmal anfallartig wahnsinnig, oft dabei fast ein Heulen, es ist irrsinnig verzweifelt und endet in einem lachenden Triumphgeheul in den Wirren eines Straßenkampfes, der zu einem revolutionären Bürgerkrieg werden könnte. 

"Joker" - das Resultat der Verwahrlosung von Gotham City

Der Film von Todd Philipps erzählt aus der Perspektive des "Joker" seine Vorgeschichte: wie aus einem Ex-Psychiatriepatienten ein unter Psychopharmaka stehender Klinik-Clown wird, der davon träumt, Stand-up-Comedian zu sein. Gewalterfahrung, das Zusammenstreichen des Sozialstaats mit seinen Hilfsangeboten, das Gefühl, denen da oben egal zu sein, die zunehmende Verwahrlosung der Gesellschaft machen Arthur Fleck zu einem durchgedrehten Killer. 

Wirkt der Joker der Comic-Vorlagen und "Batman"-Filme wie das Böse schlechthin, ist der provokante Clou von "Joker", dass er hier vor allem ein Produkt von Gotham City ist, einer Gesellschaft, die jeden sozialen und politischen Zusammenhalt verloren hat.

"Joker": Gewaltausbrüche aus sozialer Frustration

Dabei nimmt der Film bildlich Anleihen bei der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die versuchte die schreiende Ungerechtigkeit zu bekämpfen: Die Welt der Börsenspekulanten und Investmentverbrecher wurde gestützt, um einen Bankenkollaps zu verhindern - mit Milliarden an Steuergeldern, die dann für Infrastruktur, Sozial- und Bildungsprogramme fehlten.

Im Film nimmt sich so eine Bewegung den Joker als unideologische Revolutions-Ikone und kippt ins Militante. Was nicht gewaltverherrlichend heroisiert wird. Denn jeder Ausbruch von Gewalt hat immer auch sinnlos zerstörerische Elemente. Aber es wird auch klar, dass sich hier instinkthaft eine soziale Frustration entlädt.

"Joker"- ein Spiegelbild unserer Gesellschaft

Und die ist provoziert durch eine Gesellschaft, in der die abgekoppelten oberen Zehntausend immer reicher werden, während ein immer größerer Teil prekär leben muss. Diese Problematik holt "Joker" nahe an uns heran – durch Bilder unserer eigenen jüngeren Vergangenheit: Wir meinen in Gotham City die verslumte Bronx der 70er mit brennenden Mülltonnen zu sehen.

Oder wir erinnern uns an die Brixton Riots der 80er, nachdem Maggie Thatcher und Ronald Reagan mit ihrem Neoliberalismus, gewerkschaftszerstörenden Deregulierungspolitik Hundertausende in die Hoffnungslosigkeit gestürzt hatten. Und die Bilder von brennenden Banlieus in Paris sind noch jünger.

"Joker" ist so auch keine weitere Comic-Realverfilmung, sondern die mahnende Geschichte von Gotham City, die zu einer kalten, kaputten Gesellschaft wurde, wo Wut in Agression umschlägt. Bei Arthur, der sich ausgeliefert und schutzlos, wertlos und vergessen fühlt, ist es auch ein Revolver, der in ihm ein magisches Gefühl von Macht und Stärke erzeugt: Gelegenheit schafft Mörder!

"Joker": Spannendes Meisterwerk von Todd Philipps

Und dann gibt es noch eine bittere Mediensatire im Film, weil Robert DeNiro als Talkmaster diesen todtraurigen Stand-up-Möchtegern-Comedian Arthur in seine Kult-Show einlädt: in einer brisanten Mischung aus echtem Interesse, dann aber auch zur einschaltquoten-fördernden, brutalen Bloßstellung eines Freaks.

Das alles ist intelligent, psychologisch spannend und grausam packend erzählt und macht "Joker" zu einem Meisterwerk, das ein riesiges Publikum finden wird: unter Popcorn-Essern wie unter Kunstkinofreunden, unter Intellektuellen wie sporadischen Kinogängern, die einfach mal wieder einen fantastischen Film sehen wollen.


Am Donnerstag (10. Oktober) feierte der US-amerikanische Thriller "Joker" Premiere in den deutschen Kinos.

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