Pinakothek der Moderne Von São Paulo lernen - im Architekturmuseum

Schwimmbad auf der Dachterasse im 13. Stock eines Bürogebäudes in São Paulo. Foto: Ciro Miguel 2018

Das Architekturmuseum zeigt in der Ausstellung "Zugang für alle. São Paulos soziale Infrastrukturen" den Umgang mit Freiflächen

 

Straßensperren sind gerade angesagt: Tirol sperrt für den Transit Zu- und Abfahrten von Autobahnen – damit die Urlauber-Staus schön dort bleiben, wo sie unter Kontrolle sind und nicht stören. München sperrt die Leopoldstraße an zwei bestimmten Wochenenden im Jahr für den Corso Leopold, damit die Bürger ihren tollen Boulevard wieder mal – ganz für sich – genießen können.

Auch für Straßenfeste, Sit-Ins, Demonstrationen und andere Aktionen kann man in verschiedenen Vierteln mal für ein paar Stunden den Fahrverkehr ruhen lassen. Auf Antrag.

Baden auf dem Dach

Im brasilianischen São Paulo gehören gesperrte Straßen zum täglichen Wahnsinn – die Asphaltspuren nutzt die Bevölkerung. Am Wochenende ist eine Schlagader der Stadt, der Boulevard Avenida Paulista für den fließenden Verkehr tabu und verriegelt. Die auf Stelzen geführte Minhocao-Schnellstraße sogar jeden Abend.

Außerdem baut man einfach im 13. Stock ein Schwimmbad aufs Dach. Man pflanzt in luftiger Höhe – etwa auf der Dachterrasse des Centro Cultural – wild wuchernde Dachgärten. Und macht das alles öffentlich zugänglich – für jeden der diese Räume nutzen will.

Warum? Weil diese größte Megacity Südamerikas mit geschätzten 21 Millionen Einwohnern so pfropfeneng ist, dass man nicht mehr weiß, wie man den Mangel an Freiflächen verringern und den ständig steigenden Bedarf an Freizeit-, Erholungs-, Kultur- und Sportprogrammen einigermaßen erfüllen kann.

Räume für eine urbane Gesellschaft

Das haben München – und andere deutsche Groß-Wachstums-Städte – erst noch vor sich. Jedenfalls wenn die Einwohnerzahlen weiter wachsen – und immer mehr "nachverdichtet", sprich: dichter und dichter mit immer kleineren Wohnungen gebaut wird.

Die derzeit in der Pinakothek der Moderne im Architekturmuseum gezeigte Ausstellung "Zugang für alle. São Paulo soziale Infrastrukturen" präsentiert nun Gebäude und Räume, die zu gut genutzten Orten der Integration und Inklusion in der urbanen Gesellschaft geworden sind. Die ausgewählten Beispiele, die in ihrem derzeitigen Zustand mit Plänen, Zeichnungen, Modellen, Fotografien, Filmbeiträgen und Interviews facettenreich dokumentiert werden, stammen aus den letzten 70 Jahren. Was auch heißt, dass viele dieser – auf uns erst einmal ungewöhnlich aber überaus kreativ wirkenden – Projekte eine lange Tradition haben.

Auffällig: Zu sehen sind weniger formalästhetische architektonische Highlights, für die die brasilianische Architektur ja ebenfalls bekannt ist – seit Juscelino Kubitschek 1960 die Hauptstadt Brasilia mit ihren faszinierenden Architektur-Ikonen einweihte.

Sozial nachhaltig

Wichtig war den Ausstellungsmachern, architektonische Infrastrukturen zu zeigen, die sozial nachhaltig für die lokale Bevölkerung sind. Und die damit in einer Stadt mit reichen Ressourcen aber auch extremer Armut, hoher Kriminalitätsrate und großen Problemen beim Verkehr und im öffentlichen Gesundheitswesen zeigen, dass – und vor allem wie – Architektur zur Stadtentwicklung beitragen kann. Zum Beispiel Lina Bo Bardis aufgeständertes, 1957 gebautes Kunstmuseum MASP. Der Platz unter dem MASP ist wichtig für die Zivilgesellschaft: hier startet nahezu jede größere Demo.

Dann das neue Sesc 24 de Maio, das der Pritzker Preis Träger Paulo Mendes da Rocha mit Mmbb Arquitetos realisierte: Hier stapelt man auf 14 Geschossen Freizeitangebote vom Theater im Untergeschoss über Zahnklinik, Disco, Sporthalle, Bibliothek oder Restaurant bis zum Schwimmbad auf dem Dach.

Freiräume als Mangelware

Das Erdgeschoss ist eine öffentliche Passage: wichtig, weil sich dieses Gebäude des Serviçio Social de Comércio damit nicht abschottet, sondern den knappen öffentlichen Raum erweitert. Finanziert werden viele der Projekte übrigens über eine Abgabe der Unternehmen.

Die auch mit Zahlen und Texten informativ erklärten Projekte stecken in Gitterkojen, die wohl nicht nur zufällig an Fußballkäfige und Grenzzäune erinnern. Zur Anschaulichkeit trägt auch das riesige Modell der Avenida Paulista bei und die vielen Fotos und Videos. Oder der letzte Raum, der in Form eines miniaturisierten Oscar-Niemeyer-Daches Freiraum zum Innehalten, Nachdenken, Verweilen bietet.

Ein Freiraum, der in den Metropolen dieser Welt Mangelware geworden ist. Weil dort jeder Quadratmeter Profit verspricht. 


Bis 9. September, Di - So 10 - 18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Kuratorenführung (englisch) am 29. August um 18.30 Uhr und 7. September um 15 Uhr

 

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