Pinakothek der Moderne Eine Ausstellung mit Gemälden von Karl Horst Hödicke

Pop Art vom Feinsten: Karl Horst Hödickes Gemälde „U-Bahn“ aus dem Jahr 1963. Foto: Roman März / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Schulzeit hat er in München verbracht, doch Berlin ist seit den späten 50ern seine Heimat. Höchste Zeit, den Maler Karl Horst Hödicke in der Pinakothek der Moderne zu feiern

 

Das Orange um einen schwarzen „Fliegenschiss“ herum gräbt sich in die Augen. Wenige Meter weiter hat sich Türkis selbständig gemacht und übernimmt den Job der „Schlangenbeschwörerin“ – man kann sich gar nicht abwenden. Aber Farben üben Macht aus, man muss sie nur „ins Bild setzen und malen lassen“. Und man darf „diesen Zustand nicht ausbremsen“, sagt Karl Horst Hödicke. Dann entwickelt Blau in seinen wohltuenden Ultramarin-Varianten einen unfassbaren Sog. Egal, ob das Meer einen Seestern umspült, ob sich „Zwei rote Fuchsienblüten in blauer Tinte“ formieren oder ein grausiges „Gorgonenhaupt“ zum Schrei ansetzt.

Diese Malereien auf Papier, die in den 1970er und 80er Jahren entstanden sind, machen tatsächlich sprachlos. Der inzwischen 82-jährige Künstler spricht ganz unprätentiös von „Trainingsläufen“, deshalb haben sie das Atelier in Berlin auch nie verlassen. Der kuratierende Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Michael Hering, durfte sich quasi durch die „geheimen“ Bestände wühlen, aussuchen – und nun bilden ein paar Dutzend dieser Blätter einen ersten Höhepunkt in der K. H. Hödicke-Retrospektive in der Pinakothek der Moderne.

Die Malerei revolutionieren

Wobei der Begriff Retrospektive ein bisschen hoch gegriffen ist. Es sind zwar wichtige Gemälde zu sehen und naturgemäß jede Menge Zeichnungen, doch die Skulptur ist mit drei kleinen Exemplaren nur dezent vertreten (etwa die Bronze „Geballte Faust“, 1987), und die experimentellen Filme, die Hödicke 1967/68 bei seinem Intermezzo in New York umgetrieben haben, fehlen ganz. Das ist nicht weiter tragisch, man gewinnt dennoch einen guten Eindruck von diesem ungemein vielseitigen Mann, der nichts weniger als die Malerei revolutionieren und aus der Sackgasse herausholen wollte.

Künstler wie Hödicke sagen das gerne mit einem Augenzwinkern, erst recht, wenn der Bart grau geworden ist. Mit dem mächtigen Strom abstrakter Tendenzen ist er nie so recht mitgeschwommen, und wenn, dann eher für kurze Versuche. Aber das schien ja auch die Sackgasse zu sein, in die ein paar wütende junge Maler in den 1960er Jahren gar nicht erst geraten wollten und rotzfrech figurativ und expressiv dagegenhielten.

Georg Baselitz war so einer, dann der gleichaltrige Bernd Koberling oder Markus Lüpertz, mit denen Hödicke eine der ersten Selbsthilfegalerien „Großgörschen 35“ gegründet hatte. Doch während die Erfolgshungrigen nach Düsseldorf gingen, wo die Musik am lautesten spielte, blieb Hödicke Berlin treu – und malte, was er sah. Es mag zwischendurch Exkurse in die Natur und ins Mythologische geben, die Serie um den Hirtengott Pan gehört dazu.

Feinste Pop Art

Doch die Metropole bleibt sein Dorado. Die Lichter der Laternen gleißen im regennassen Asphalt („Rain Dance, 1974), Straßenbauarbeiter mühen sich ab, alles hat Rasanz, Drive: „Ich wollte die flüchtigen Eindrücke der Großstadt in meiner Malerei einfangen, ohne sie festzuhalten“, erklärt Hödicke. Da ist er oft nahe an den ersten Expressionisten, an Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner. Genauso stürzt sich sein Blick auf die Reklametafeln, auf Coca Cola und Bally, auf Brillen- und Pelzauslagen, auf Verzerrtes hinter Vitrinen und U-Bahn-Details (1963).

Feinste Pop Art hat man hier vor sich. Doch es macht wenig Sinn, Hödicke in Schubladen zu zerren, dieser Maler klebt nicht an Stilen. Mal könnte er ein ziemlich aufgeräumtes Mitglied der Gruppe Spur sein, mal krakelt er Strichmännchen, die irgendwo zwischen Dubuffet und Penck zu verorten sind. Aber immer pflegt er seine Lässigkeit im Strich und ein ganz besonderes Verhältnis zur Farbe. Leicht möglich, dass München hier nachwirkt.

Gleich nach dem Krieg – Hödicke ging gerade in die Schule – hat die Familie bis 1957 in Unterpfaffenhofen gelebt. Und die vielen Besuche in den Münchner Museen, vor allem beim Blauen Reiter sollten sich tief ins Gedächtnis setzen. Auf der anderen Seite hat Karl Horst Hödicke wiederum eine ganze Reihe von Künstlern geprägt wie zum Beispiel die „Jungen Wilden“ Rainer Fetting, Salomé, Helmut Middendorf oder Bernd Zimmer.

Ein teurer Katalog

Gerade mit seinen dynamischen Gesten und seiner Farbigkeit. Die Professur an der Berliner Hochschule der Künste nahm Hödicke jedenfalls immer sehr ernst, das Vorantreiben der Karriere stand nicht unbedingt an vorderster Stelle. Davon erzählen auch die Entdeckungen in seinem privaten Depot, die nach weiteren Ausstellungen rufen.

Dass der zweibändige Katalog wieder mal etwas teurer geraten ist, gehört zu den weniger erfreulichen Begleitumständen der Schau am staatlichen Haus. Die prächtige Vorzugsausgabe wird dann sogar in einer Vitrine präsentiert, und das ausgerechnet in Reichweite der sehr schlichten, für Hödicke typischen Studien auf vorgefundener Kartonpappe. Aber 450 Euro kann man auch nicht einfach so rumliegen lassen.

„K. H. Hödicke. Eine Retrospektive”, bis 13. September in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18, Donnerstag bis 20 Uhr, Katalog (Walther König, 2 Bände à 400 Seiten, 180 Euro, in der Vorzugsausgabe mit vom Künstler bemaltem Schuber 450 Euro)

 

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