Pinakothek der Moderne Druckgrafik von Max Klinger

Grafiken von Max Klinger. Foto: Graphische Sammlung/Pinakothek der Moderne

Um 1900 war Max Klinger ein Superstar. Zum 100. Todestag ist in der Pinakothek der Moderne sein graphisches Werk zu sehen

 

Hatten Dating-willige Damen früher ein Tüchlein fallengelassen, konnte das zu peinlichen Verwicklungen führen. Vor allem, wenn der Falsche zugriff und womöglich noch lästig wurde. Sämtliche Anbahnungstücher der Literaturgeschichte sind allerdings nichts gegen einen weißen Handschuh.

Der ließ den jungen Max Klinger 1881 dann auch schlagartig zur Berühmtheit werden. Denn der Radierzyklus, den er sich um diesen „Handschuh“ ausdachte, ist schräg, witzig, märchenhaft, kurz: irre. Und er darf in einer Ausstellung zum 100. Todestag des Künstlers am 4. Juli gerade in einer Graphischen Sammlung wie der Münchner natürlich nicht fehlen.

Der Handschuh nämlich, den eine unbekannte Schöne beim damals neumodischen Rollschuhlaufen verliert, wird von einem Mann mit dem bärtigen Konterfei Klingers aufgelesen. Und bald schon, das ist das Besondere, dringt das elegante Objekt ins Unterbewusstsein seines Finders und entwickelt sein kurioses Eigenleben. Der Handschuh fällt ins Meer, wird von Neptuns Rossen davongetragen, vervielfältigt sich zu einem stattlichen Theatervorhang, wird von einem fliegenden Drachenvieh entführt und landet schließlich – schlaff und entseelt – vor einem ratlosen Amor. Der hat seine Waffen aber abgelegt und macht Pause. Aus die Maus.

Da ist Rembrandt nicht weit

So viel Selbstironie muss man sich mit Anfang 20 schon mühsam abringen. Zumal am Ende des triebhaften Traums auch noch die Luft raus ist. Mindestens dieselbe verblüffende Souveränität lässt der 1857 in Leipzig geborene Klinger beim Zeichnen und Radieren erkennen. Und auch in den fast gleichzeitig entstandenen „Intermezzi“ oder der sogar etwas früheren Folge „Eva und die Zukunft“ bewegt er sich immer wieder im geheimnisvoll Unergründlichen. Ob da nun eine Frau gefährliche nahe „Am Meer“ entlang wandelt und von den Fluten magisch angezogen scheint oder „Amor und Tod“ auf einer Kombination aus Sarg und Fahrrad ins Jenseits reiten. Ob Eva sich eitel im Spiegel der „Schlange“ begutachtet oder die „Dritte Zukunft“ einen Tod zeigt, der mit einer Pflasterramme auf menschliche Köpfe drischt.

Wenn man noch die gesellschaftskritischen Folgen „Ein Leben“ (1884) über den tiefen Fall einer verführten Frau oder die „Dramen“ (1883) hinzunimmt, erinnern diese Bildwelten an Goyas alptraumhafte „Desastres“ und die bizarren „Caprichos“ – auch Klinger hat in einer Mischung aus flächiger Aquatinta und Strichradierung gearbeitet. Und im mitunter dramatischen Hell-Dunkel ist dann auch Rembrandt nicht weit.

Unwillkürlich denkt man aber an Sigmund Freud. Der spätere Ur-Psychoanalytiker ist nur ein Jahr älter als Klinger und Anfang der 1880er-Jahre zwar noch mit dem „Rückenmark niederer Fischarten“ beschäftigt. Doch man begreift sofort, dass diese Kunst mit ihren Themen etwas ganz Neues ist und die mehr und mehr in Erscheinung tretenden Seelengründler mächtig anziehen muss.

Zittern vor Wonne

Der junge Alfred Kubin, der Klingers Mappen just in der Graphischen Sammlung in München studiert, „zittert vor Wonne“. Sein „Krieg“ von 1907 marschiert nicht weniger zerstörungswütig wie der erwähnte Totklopfer. Für Max Ernst und überhaupt die Surrealisten ist Klinger dann ein ganz wesentlicher Vordenker. Und das soziale Elend und die Not, die er ins Bild überträgt, wird eine Käthe Kollwitz zu ihrem Lebensthema ermutigen.

Klinger, dieser um 1900 sicher bedeutendste lebende deutsche Künstler, hat Beträchtliches angestoßen, und er war auch noch ein äußerst raffinierter Kompositeur. Dass er oft über Monate mit einer Lösung gerungen hat, vergisst man leicht bei der hohen Qualität seiner Grafik. Insofern sind die dem Werkprozess gewidmeten Bereiche die vielleicht aufregendsten der von Andreas Strobl so formidabel konzipierten Schau (die sicher noch besser ausgeleuchtet wird).

Radierungen gehören bekanntlich zum Aufwendigsten. Das hat Klinger freilich nicht daran gehindert, fertige Platten zu verwerfen, oft zwei-, dreimal, um etwa das Format zugunsten einer eindringlicheren Aussage oder die Position einer Figur zuspitzend zu verändern. Über solchem Drang zur Perfektion gerät man aber auch in Gefahr, das Draußen zu übersehen. Neue Strömungen schienen nicht mehr zu interessieren, Klinger, der sich immer mehr zum Erotomanen gesteigert hat, blickte lieber zurück ins Fin de siècle mit seiner Melange aus artifiziell verbrämter Sinnenlust und Dekadenz.

Leider ohne Katalog

Das demonstriert sein letzter, selten zu sehender Radierzyklus „Zelt“. Klinger wird 1915 mit den 46 Blättern fertig, und man staunt über wackere Ritter (fast wie bei den Präraffaeliten) und nackte Frauen, über schwüle Haremsszenen mit lasziver Bodengymnastik und erzwungener Nähe – auch von Frau zu Frau – bis hin zur Vergewaltigung.

Über die Sujets und deren Ästhetik kann man geteilter Meinung sein, das gilt ja auch für so manches aus Klingers plastischem Schaffen und seine Malerei. Nichtsdestoweniger erzählt diese Ausstellung von einem bis heute ungemein anregenden und zuweilen spektakulären Grafiker, von dem München Spitzenblätter präsentieren kann. Schade nur, dass es nach den Luxus-Bänden zu Ólafur Elíasson und Hermann Glöckner nicht einmal zu einem schmalen Katalog gereicht hat. 

„Max Klinger. Zelt und andere Zyklen“ bis 10. Mai, Pinakothek der Moderne, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Begleitheft gratis

 

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