Pinakothek der Moderne Die Ausstellung "Feelings – Kunst und Emotion" verzichtet weitgehend auf Information

Tadeusz Kantor hat 1975 das Skulpturen-Environment „Die tote Klasse“ geschaffen. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sibylle Forster

Die Ausstellung „Feelings – Kunst und Emotion“ in der Pinakothek der Moderne 

 

Mit Greisenblick starren acht Kinder aus Schulbänken ins Nichts: Tadeusz Kantors Skulpturen-Environment „Die tote Klasse“ von 1975 wirkt noch immer beklemmend. Die toten Augen und die rigide Struktur der Bänke lassen auf schreckliche Umstände schließen. Sie wecken Gefühle wie Trauer, Mitgefühl und rufen eventuell eigene Erinnerungen wach – ehe der Verstand die Eindrücke zu ordnen versucht.

Um den Moment des Affekts vor dem Einschalten des Intellekts geht es den Kuratoren der Ausstellung „Feelings – Kunst und Emotion“ in der Pinakothek der Moderne. Bernhart Schwenk und Nicola Graef trugen dafür rund hundert Bilder, Objekte, Installationen und Filme von etwa 40 Künstlern zusammen. Die eigenen Bestände (vor allem Erwerbungen der PIN-Freunde und der Sammlung Goetz) wurden durch eine Reihe von Leihgaben aufgefrischt.

Weil die Kuratoren die unmittelbare Wirkung der Kunst nicht durch Information verderben wollen, gibt es weder Titel, noch Künstlernamen. Im Fall Kantor würde deren Kenntnis den Eindruck allerdings kaum verändern. Doch über die Zeitumstände wüsste man gerne mehr. Wer dieses Unwissen gar nicht aushält, für den gibt es im letzten Raum einen Screen, der alle Infos bündelt.

Manches schreit nach einer Erklärung

Darüber hinaus setzt die Schau auf starke Farben. Alle Säle sind farblich grundiert, und zwar in Pink, Orange, Dunkelrot, Blaugrün und Helltürkis. Einige der Künstler wiederum arbeiten mit starker Suggestion. Von Elmgreen & Dragset stammt die Installation „Modern Moses“. Am Boden unterhalb eines Geldautomaten steht eine Baby-Tragetasche – darin eine schlafende Säuglingspuppe. Er sieht niedlich und friedlich aus, doch seine Umgebung ist kalt. Auch ohne Titel dürften die Assoziationen nicht allzu weit auseinanderliegen.

Alexandra Ranners Video-Installation „Flur“ ist ebenfalls recht eindeutig und eingängig: In einem nicht weiter definierten Gang stehen/hocken/fallen/liegen ein gutes Dutzend Menschen und warten quasi auf Godot. Eine Endlosschleife – egal ob auf dem Amt, im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Darum offenbaren die Protagonisten auch alle Seelenzustände zwischen Apathie, Selbstaggression und Verzweiflung.

Etwas offener ist der Interpretationsspielraum der Situation in Stephan Melzls „Spiel“: Eine Frau im roten Kleid drängt einen nackten Mann (Knaben?) in die Ecke. Ob Liebesspiel oder sexuelle Belästigung, evtl. sogar eines Minderjährigen – das kleine Bild lässt sich nicht klar deuten. Anders als der Titel vorgibt, zeigt die Darstellung, wie das „Spiel“ schnell kippen kann – auch hier vermisst man ihn also nicht.
Nicht alle Arbeiten zielen jedoch so deutlich in die Gefühlsebene des Betrachters. Jan Albers Wand-Installation aus Polystyrol und Farbspray wirkt vor allem abstrakt-ästhetisch. Dass der Künstler beim Schaffensprozess den Spaß an der Zerstörung, der bei Vandalismus eine Rolle spielt, im Sinne hatte, ist weder mit noch ohne Titel naheliegend.

Weniger ist nicht immer mehr

Doch es gibt, trotz vieler negativer Emotionen ein paar schlichtweg schöne Momente: Rosilene Luduvicos Großformat mit einer hinter Geäst verschwindend kleinen Berglandschaft am Horizont oder Norbert Schwontkowskis ironisch-romantisches „Mondangeln“. Und die beiden eigens für die Schau geschaffenen Wandgemälde der „Drei Hamburger Frauen“ als Schicksalsgöttinnen sind eine Augenfreude, ebenso anspielungsreich wie plakativ.

Dennoch überzeugt das Konzept nur bedingt. Zum einen ist die Präsenz mancher Exponate, etwa Cindy Shermans ewige Selbstbespiegelungen oder Sam Taylor Johnsons Foto-Tableaux, thematisch nicht zwingend. Zum anderen beeinträchtigt die Farbwirkung der Räume die Wahrnehmung, da gehen die Ebenen durcheinander. Gerade großflächige Rottöne sind nicht zu unterschätzen. Das ist nicht erst seit den Attacken auf Barnett Newmans provokante Farbfeldmalerei „Wer hat Angst vor Rot Gelb Blau?“ klar. Aber vor allem: Weil es den Betrachter bevormundet. Klar sind manche Bilder selbsterklärend, andere schreien nach Hintergrundinformation. Nicht immer ist weniger mehr.    

„Feelings – Kunst und Emotion“ bis 4. Oktober 2020 in der Pinakothek der Moderne, Barerstr. 40, Di – So von 10 bis 18, Do bis 20 Uhr


 
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