Pillen und Drogen Pillen-Panik: Die gedopte Republik

Stress, Leistungsdruck, zu viel Arbeit: Immer mehr Deutsche werfen Pillen ein - sogar mit Anti-Alzheimer-Arzneien putschen sie sich auf. Die Präparate bestellen sie im Internet.

 

Die Bitte im Internet-Forum „gutefrage.net“ ist symptomatisch: „Guten Morgen suche ein Mittel um mich länger und besser Konzentrieren zu können, bitte keine Antworten wie ’mehr Schlaf’ oder sonst was (für sowas hab ich nicht lange Zeit)“, schreibt User „movementcat“. Mit dem Wunsch nach leistungssteigernden Substanzen ist er nicht alleine.

Millionen von Menschen versuchen, mit allen – legalen und illegalen – Mitteln, ihre Konzentration zu verbessern, Stress abzubauen, sich wachzuhalten, ihren Körper fitter zu machen. Am Arbeitsplatz, in den Schulen und Universitäten oder im Fitnessstudio wird geschluckt, was das Zeug hält – Experten reden von der „gedopten Gesellschaft“.

Dass viele dieser Substanzen abhängig machen – egal. Dass sie oft fatale Nebenwirkungen haben – egal. Dass sie oft nur illegal beschafft werden können – egal. Und keine Rolle spielt auch, dass Ritalin & Co. oft gar keine Wirkung erzielen. Was wer schluckt – der AZ-Report zeigt es:

Wie groß ist die Zahl der Konsumenten?

In Deutschland dopen sich – verbotenerweise – mit Psycho-Stimulanzien, Anti-Depressiva oder sogar Anti–Dementiva (Medikamenten gegen die Alters-Demenz und gegen Alzheimer) immer mehr Menschen: Laut Raphael Gaßmann, dem Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) haben nach Umfragen bereits fünf Prozent der befragten Arbeitnehmer zwischen 20 und 50 Jahren leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente eingenommen – das sind rund 2 Millionen. Fast die Hälfte von ihnen nimmt solche Präparate mehrmals wöchentlich ein. Anabole Steroide und Wachstumshormone sind die Renner bei Besuchern von Fitnessstudios. Bis zu 25 Prozent Bodybuildern bedienen sich mit solchen Doping-Substanzen – Tendenz steigend.

Woher kommt der rapide Anstieg?

Der hat, so Gerd Glaeske, Professor für Gesundheitspolitik an der Uni Bremen zwei Gründe: Zum einen dem steigende Leistungsdruck in Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz. Zum zweiten aber auch, weil es durch das Internet extrem leicht ist, die – sämtlich verschreibungspflichtigen – Medikamente zu besorgen. Möglichkeiten, Seiten, die solche Medikamente vertreiben, sperren zu lassen, gibt es nicht – obwohl die DHS deswegen sogar beim Justizministerium vorstellig wurde.

Halten die Medikamente das, was sie den Käufern versprechen?

In der Regel nein, sagt Gerd Glaeske. Am ehesten wirken noch stimulierende Substanzen wie Methylphenidat („Ritalin“) und Modafinil. Keine Studie konnte dagegen die Wirksamkeit von Antidepressiva auf die Stimmung von gesunden Menschen nachweisen. Auch bei den oft genommenen Anti-Dementiva gibt es keine sicheren Belege dafür, dass sie die Gedächtnisleistungen Gesunder verbessern.

Wie sind die Nebenwirkungen?

Bei Gesunden kann die Einnahme der leistungssteigernden oder stimmungsaufhellenden Mittel oft viel gravierendere Nebenwirkungen haben wie bei Patienten, die die Medikamente gegen tatsächliche Beschwerden verschrieben bekommen, so Professor Glaeske. So können Anti-Dementiva und Anti-Depressiva bei gesunden Menschen Kopfschmerzen, Ruhelosigkeit und Übelkeit auslösen. Noch schlimmer sind die unerwünschten Wirkungen bei Ritalin & Co. Glaeske: „Die Einnahme führt bei Gesunden nachweislich weder zur gewünschten Stimmungsaufhellung noch zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, eher erreichen sie die Verringerung von Leistungsfähigkeit und Aktivität. Mit hohen Risiken belastet ist auch die Einnahme von Mitteln, die das Muskelwachstum fördern sollen. Hepatitis C und B, Schilddrüsenprobleme, Schlaflosigkeit, Aggression sind bekannte Nebenwirkungen. Aber auch Potenzstörungen, Brustwachstum bei Männern bis hin zu Brustkrebs werden genannt.

Machen diese Drogen abhängig?

Weil die meisten Präparate noch nicht so lange im Umlauf sind, ist über mögliche körperliche Abhängigkeiten noch nichts bekannt. Allerdings gibt es ein großes psychisches Abhängigkeits- und Missbrauchspotential.

Wie verhält sich die Pharmaindustrie zum massenhaften Missbrauch dieser Medikamente?

Sie wittert, so Professor Gerd Glaeske, das „große Geschäft mit diesen Anwendungsbereichen“. Forschungen würden betrieben, um die Zielgruppe zu befriedigen und neue Märkte zu erschließen. Auch das Erfinden neuer Krankheitsbilder diene dazu, den Konsum solcher Präparate anzukurbeln.

Wie kann der Leistungsdruck gesenkt werden, um das gefährlichen Hirndoping überflüssig zu machen?

DHS-Geschäftsführer Gaßmann: „Arbeitsplatzregelungen und Sozialleistungen können nicht ausschließlich entschieden werden, sondern sind auch deutlicher als bisher gesundheitspolitisch auszurichten. Wir leben nicht nur, um zu arbeiten. Wenn Schule, Ausbildung und Beruf krank oder süchtig machen, ist es Zeit, sie grundsätzlich zu entschärfen.“

 

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