Phillippe Herreweghe über Johann Sebastian Bach Wie brasilianischer Fußball: "Magnificat" am Montag im Prinzregententheater

Der Belgier Herreweghe kennt Bach wie seinen besten Freund. Foto: tonicale

Heute kommt ein Meister des Originalklangs ins Prinzregententheater: Philippe Herreweghe erklärt, warum Bachs „Magnificat“ nur so überzeugend, rührend und wahr klingen kann

 

AZ: Herr Herreweghe, früher klang "Originalklang" schräg.

PHILIPPE HERREWEGHE: Aber wenn heute die Leute einmal Monteverdi oder Bach auf Originalinstrumenten hören, dann wollen sie das auf modernen Instrumenten nicht mehr hören: Der Originalklang ist überzeugender, rührender und wahrer.

Sie sind mit Bachs „Magnificat“ hier. Karajan hat das auch aufgenommen.

Karajan war ein hervorragender Dirigent. Aber so klingt Bach für mich grausam. Es ist heute nur noch ein historisches Dokument. Aber das, was wir früher gemacht haben, ist natürlich auch vorbei. Ich war mit 22 Jahren unerschrockener. Aber heute – mit mehr Wissen und Respekt – ist es immer noch schwer, das Herz eines Bach-Werks zu treffen. Das sind Werke, die sind genial, mysteriös: Kunstwerke, die jeden Zeit- und sozialen Rahmen übersteigen. Das kann man sein ganzes Leben studieren, aber es gibt keine endgültige Antwort.

Hatte Bach selbst einen Spitzen-Chor?

Man muss sich das so vorstellen, wie heute mit dem Fußball in Brasilien, wo alle Jungs kicken: ein wahnsinniges Talent-Reservoir. Zu Bachs Zeiten haben fast alle Knaben gesungen, es gab Hunderte von Chören und nur die Besten waren dann auf den Internaten. Sie waren also fantastische Sänger.

Bach musste wöchentlich neue Kantaten aufführen und vieles mehr. Unter diesem wahnsinnigen Produktions- und Zeitdruck muss das alles unperfekt geklungen haben.

Das ist unser arroganter Irrtum, dass wir heute technisch erfekt seien. Bach kannte alle seine Sänger und Musiker genau. Er hätte nie Musik für jemanden komponiert, der nicht perfekt funktioniert hätte. Da hätte er in Leipzig als städtischer Angestellter den Hut nehmen müssen, wenn er alle überfordert hätte. Man muss im Gegenteil sagen: Es war ein unheimliches Niveau und hat sicher sauber geklungen.

Und die geistlichen Kompositionen erklangen in sakralen Räumen.

Das kann man nicht mehr erreichen. Uns fehlt heute die religiöse Überzeugung. Den damaligen Trialog zwischen Komponist, Musikern und Publikum muss man sich einmal vorstellen: Der Komponist dirigiert seine eigene Musik für die dafür perfekten Musiker und Sänger – und das vor einem Publikum, das die Texte und Inhalte verinnerlicht hatte. Und alle sind überwölbt vom Glauben, den diese Musik transportiert. Eine überwältigende Wirkung!

Sind Sie religiös?

Nein, aber im Moment dieser Musik schon.

Heute, 20 Uhr, Prinzregententheater: Bachs „Magnificat“, Chor und Orchester Collegium Vocale Gent, Karten 34 bis 74 54818181 oder Abendkasse

 

 

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