Pfarrer der JVA Stadelheim Ein Gespräch mit dem Mann, dem Häftlinge alles erzählen

"Als Pfarrer weiß man: Wir sind alle Kinder Gottes": Pfarrer Felix Walter an seinem Arbeitsplatz in Stadelheim. Foto: Daniel von Loeper

125 Jahre JVA Stadelheim: Ein Interview mit Pfarrer Felix Walter (57), er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bevor er 2006 Gefängnispfarrer wurde, war er zehn Jahre lang Gemeindepfarrer in Grafrath.

 

München - Von dem Balkon vor seinem Büro kann er auf den Nordbau von Stadelheim schauen. Umgekehrt können die Gefangenen Pfarrer Walter aus ihren Zellenfenstern sehen.

Am nächsten Tag, wenn er wieder Häftlinge in ihren Zellen besucht, fragen sie ihn dann, wer denn da bei ihm zu Besuch war. Das Pfarrbüro ist in einem Haus direkt an der Gefängnismauer, früher wohnte der Anstaltsleiter dort. Aber oft hält sich Felix Walter dort sowieso nicht auf. Meistens ist er im Gefängnis, abends fährt er heim zu seiner Familie nach Grafrath bei Fürstenfeldbruck

AZ: Herr Pfarrer Walter, wie wird man Gefängnispfarrer?
FELIX WALTER: Ich war zuvor Gemeindepfarrer und viel mit Organisation beschäftigt Als mich die Landeskirche gefragt hat, ob ich mich verändern möchte, habe ich mir wieder eine reine Seelsorgerstelle gewünscht und mich für diese Stelle entschieden.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf?
Es macht mir Spaß, Menschen durch eine Krise zu begleiten. Ein Gefängnis ist kein schöner Ort. Er tut Menschen nicht gut. Dort bricht erstmal das ganze Leben zusammen. Es geht um Schuld, Beziehungen gehen kaputt, viele haben gar keine Hoffnung mehr. Von daher ist es eine sinnvolle Aufgabe für mich, die Menschen dort zu begleiten. Wenn es dann draußen wieder klappt, bekomme ich Fotos von Häftlingen mit einer schönen Frau im Arm, Hochzeitsbilder oder Urlaubsfotos aus Patagonien - die Lebensträume sind ja verschieden. Es freut mich schon sehr, wenn mir Menschen schreiben, dass sie vielleicht eine Dummheit gemacht hätten, wenn es mich nicht gegeben hätte.

Finden Menschen in dieser Situation eher zurück zum Glauben als draußen?
Schwierige Frage. Also was ich nicht mache, ist Mission. Ich bin ja ein evangelisch-lutherischer Pfarrer. Mein Bestreben ist es nicht, möglichst viele Gefangene zum Luthertum zu bekehren, sondern ich möchte die Menschen begleiten. Ich schaue eher nach den Wurzeln und ich gehe zu jedem. Egal, was er gemacht hat und egal, welcher Religion er angehört. Ich gehe auch zu vielen Muslimen und Orthodoxen, natürlich auchzu Katholiken und Menschen, die gar nichts glauben.

"Vieles wird zertrümmert"

Heißt das, Sie bieten jedem einzelnen Häftling ein Gespräch an?
Man muss im Gefängnis immer für alles Anträge schreiben. Was ich nicht schaffe, ist von Zelle zu Zelle zu gehen. Also entweder erfahre ich von Beamten oder Mitgefangenen, dass sie sich Sorgen um einen Häftling machen oder er schreibt selbst einen Antrag. Und dann gehe ich da hin und begleite ihn.

Wie erlebt ein Häftling die ersten Tage?
Durch die Tat und die Verhaftung wird ein Leben komplett durchgeschüttelt und vieles wird auch zertrümmert. Haft bedeutet ja oft: Ich verliere meinen Arbeitsplatz, ich verliere vielleicht meine Wohnung, ich verliere Freunde, vielleicht geht auch meine Beziehung kaputt, meine Ehe. Gerade bei den Jüngeren passiert das oft. Es ist schon wirklich eine Krise. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich auch die Sinnfrage. Und vor allem ist es die Frage, was ich anders machen kann. Vielleicht haben materielle Dinge für die Tat eine Rolle gespielt und man wollte immer mehr haben und ist deswegen kriminell geworden. Das Gute ist, dass viele im Gefängnis beschließen, dass sie auf diesem Weg nicht mehr weitergehen wollen.

Sind Sie oft enttäuscht worden?
Es gibt Leute, von denen ich dachte, dass sie auf einem tollen Weg sind - und ein paar Wochen später waren sie wieder hier. Und es gibt andere, bei denen ich innerlich den Kopf geschüttelt habe und jede Wette eingegangen wäre, dass ich sie im Gefängnis wiedersehe – aber ich habe sie nie wieder gesehen. Wir Menschen sind zu kompliziert, als das man das immer vorhersehen könnte.

Felix Walter spricht nie mit Opfern

Sprechen Sie mit den Tätern auch viel über die Opfer?
Ja. Oft kam es zur Tat, weil sie sich nicht in Ihr Opfer einfühlen konnten oder wollten. Da bin ich ganz nahe bei den Psychologen, denn diese Empathie zu entwickeln, ist ein Hauptziel der Sozialtherapien. Auch bei mir spielt Erlernen von Einfühlungsvermögen in Andere oft eine Rolle bei den Gesprächen.

Was ich aus rechtlichen und seelsorgerlichen Gründen nie tue, ist mit Opfern zu sprechen. Manchmal will ein GEfangener, dass ich anrufe und sage, wie leid es ihm tut. Oder bei häuslicher Gewalt ruft mich die Frau an, die der Gefangene zusammengeschlagen hat. Sie liebt ihn aber trotzdem und macht sich dann Sorgen um ihn. Da muss ich schauen, dass sie sich außerhalb andere Hilfe sucht.

Wie verhalten sich Häftlinge, die Sie begleitet haben, wenn Sie erneut in Stadelheim landen?
Sie schämen sich oft. Aber das müssen sie nicht. Ich habe mir abgeschminkt, enttäuscht zu sein. Ich bin ja kein Richter – wofür ich dankbar bin.

Werden Sie auch belogen?
Ja, natürlich. Manchmal ist das auch in Ordnung. Manche Gefangene erzählen mir die Wahrheit schichtweise, die wollen erstmal Vertrauen schöpfen. Nach dem dritten Gespräch sagen sie dann: Übrigens, da war noch was. Manche lügen auch dreist. Dabei wissen Sie eigentlich, dass es gar keinen Sinn macht, denn ganz wichtig in der Seelsorge ist ja die Verschwiegenheit, also das Beichtgeheimnis.

Welche Gewissenskonflikte hat ein Gefängnispfarrer?

Eine theoretische Frage: Ein Beschuldigter soll jemanden entführt haben und man weiß nicht, wo das Opfer ist. Der Gefangene vertraut sich Ihnen an und es gibt die Chance, das Opfer lebend zu finden. Wie würden Sie sich verhalten?
Ich hatte so einen Fall noch nicht. Wenn es um vergangene Taten geht, dann muss ich wirklich schweigen. Wenn es um zukünftige Taten geht, darf ich zumindest die seelsorgerische Verschwiegenheit schon brechen. Das habe ich aber noch nie tun müssen.

Gibt es andere Gewissenskonflikte?
Ja, fast jeder Gefangene hat Selbstmordgedanken. Das Gefängnis ist erst mal so ein gewaltiger Schock, dass fast jeder denkt, dass er am liebsten Schluss machen würde. Glücklicherweise machen es dann doch nicht so viele. Die Selbstmordraten im Gefängnis sind zwar etwas höher als außerhalb, aber es sind nun auch nicht Dutzende. Suizidgedanken darf ich ebenfalls nicht 1:1 weitersagen. In solchen Situationen durchlebe ich starke Konflikte und hoffe, dass er die Nacht übersteht.

Ist es schon mal anders ausgegangen?
Ich habe es bisher noch nicht erlebt, dass jemand, bei dem ich Zweifel hatte, es tatsächlich getan hat. Aber ich habe erlebt, dass sich zwei Menschen, die ich intensiv begleitet hatte, selbst getötet haben. Das gehört zu den schwierigsten Dingen in meinem Beruf.

Kommt es vor, dass Gefangen Ihnen furchtbare Verbrechen sehr detailliert schildern?
Ja, wenn einer wegen eines schweren Gewaltdeliktes reinkommt, gibt es sehr intensive Gespräche. Er kann ja auch wirklich nur mir erzählen, wie es tatsächlich war. Beim Sozialdienst oder Psychologen ist immer die Angst da, dass sie der Polizei etwas melden, das noch nicht aktenkundig ist. Mir können sie alles erzählen.

Was macht das mit Ihnen?
Das sind Gespräche, nach denen ich nach Hause gehe. Sowas muss ich erst mal sacken lassen. Wie in allen sozialen Berufen ist es sehr wichtig, dass man auf sich achtet. In den ersten Berufsjahren habe ich Einzel-Supervision in Anspruch genommen, jetzt bin ich in einer kollegialen Beratung. Manche Sachen nehme ich schon auch mit nach Hause, gerade, wenn es etwas mit Kindern ist.

Gefängnispfarrer bleiben auch vor Angriffen nicht verschont

Sind Sie schon mal angegriffen worden?
Nein, aber es kommt vor. Eine Kollegin außerhalb Bayerns ist Opfer eines Übergriffs geworden. So etwas kann sogar dazu führen, dass man nicht mehr dort arbeiten will. Man muss aufpassen, dass man nicht leichtfertig wird.

Ist immer ein Beamter in der Nähe?
Nicht unbedingt. Ich habe ein Notrufgerät, auf dem ich einen roten Knopf drücken kann. Erst vor ein paar Tagen bin ich mal aus Versehen dagegen gekommen und war ganz erstaunt, wie schnell sie da waren. Das war beruhigend.

Können Sie sich vorstellen, bis zum Ruhestand Gefängnispfarrer zu bleiben?
Ja, ich möchte außerdem noch eine Coaching-Ausbildung machen.

Gibt es Gefangene, die Sie nie vergessen werden?
Das sind diejenigen, mit denen man ganz tief ums Leben gerungen hat. Wo ich oft nicht sicher war, ob ich sie lebendig über die U-Haftzeit bekomme. Und diejenigen, bei denen ich es nicht erwartet hätte, die vergesse ich natürlich auch nie. Die zwei werde ich nie vergessen. Gefängnis ist ja grundsätzlich kein Grund, sich umzubringen. Letztlich kommen ja alle wieder raus, auch die Lebenslänglichen. Ich werde viele nicht vergessen. Ich habe ja eine Bibelgruppe. Als Pfarrer weiß man ja: Wir sind alle Kinder Gottes. Als Gemeindepfarrer war das so eine Binsenweisheit, hier drin habe ich gelernt, dass es stimmt.

Egal, was ein Mensch gemacht hat, die haben ja schon verheerend im Leben anderer gewirkt, das sind Menschen, mit denen man Blödsinn machen kann, mit denen man ernsthaft reden kann, die sympathisch sind. Es ist ein Glaubenssatz, der wirklich stimmt. Ich möchte Taten nicht verharmlosen, das weiß ich schon, dass die Schuld auf sich geladen haben und grauenvoll gescheitert sind in einem bestimmten Bereich, wenn sie zum Beispiel ein anderes Leben ausgelöscht haben oder durch schwerwiegende Gewalttaten - trotzdem bleiben sie Menschen.

"Menschen sollen nicht einfach nur weggeschlossen werden"

Welche Tage im Knast sind am schlimmsten für die Häftlinge?
Die ersten 14 Tage, Weihnachten, der eigene Geburtstag und der von der Frau oder dem Kind. Weihnachten als Familienfest, bei dem man nicht dabeisein kann, das tut enorm weh. Hier im Gefängnis wird eine andere Form von Weihnachten entdeckt, weg vom Konsum. Bethlehem war ja auch nur ein Stall. Die biblische Botschaft ist hier vielleicht leichter zu erkennen als draußen. Ich würde behaupten, manche feiern hier zum ersten mal Weihnachten als Christenmensch.

Ist die Haft für Manager oder Wirtschaftskriminelle, die draußen mal sehr erfolgreich waren, schwerer zu ertragen als für andere?
Das würde ich nicht sagen. Alle leiden darunter. Die Wirtschaftsbetrüger wissen oft schnell, wie man klar kommt. Sie haben schnell Arbeit, wissen,mit welchen Beamten man reden kann. Das sind die schlauesten, die kommen im Gefängnis gut durch. Wer es wirklich schwer hat, sind die Sexualstraftäter. Das spricht sich immer rum. Sie können dann nicht arbeiten, weil andere sie angehen und bedrohen. Da höre ich schon traurige Geschichten.

Was sollte sich ändern im Strafvollzug?
Wir sollten größere Anstrengungen unternehmen, dass Menschen nicht einfach nur weggeschlossen werden. Es verändert einen Menschen nicht, wenn er etwas geklaut hat einfach nur für drei Jahre weggesperrt wird. Dann kommt er wieder als der gleiche heraus, damit ist der Gesellschaft nicht gedient. In Bayern wird mit Sozialtherapien mittlerweile mehr gemacht, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber da muss noch mehr passieren - auch zum Schutz der Opfer und der Gesellschaft.

Vor allem bei Jugendlichen wäre es wichtig, dass sie mehr soziale Beziehungen pflegen können. Je mehr draußen in die Brüche geht, während er im Gefängnis sitzt, umso mehr ist er dann ohne Wurzeln und gefährdet, zum Beispiel wieder Drogen zu verfalle – oder was halt seine Baustelle ist.


Lesen Sie hier Teil 1 der Stadelheim-Serie: Wenn der Frauenmörder zum Star wird

Lesen Sie hier Teil 2 der Stadelheim-Serie: 1.399 Menschen wurden hier hingerichtet

Lesen Sie hier Teil 3 der Stadelheim-Serie: Häftling mit Sprengsatz nimmt Anwalt als Geisel

Lesen Sie hier Teil 4 der Stadelheim-Serie: Um 17 Uhr beginnt die Einsamkeit Nina Job

 

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