Patrick Rottler im AZ-Interview Münchner Sprachprofiler erklärt: So verraten sich Täter in Drohbriefen

Patrick Rottler mit seinem Chef, Profi-Sprachprofiler Raimund Drommel. Foto: ho

Patrick Rottler (25) ist Sprachprofiler am Institut für forensische Textanalyse in München. Er kann mithilfe von Grammatik, Wortwahl und Ausdruck den Charakter eines Menschen beschreiben und auch Alter oder Geschlecht ermitteln.

 

München - Patrick Rottler schaut seinem Gegenüber so konzentriert und eindringlich in die Augen, als würde er gerade dessen Gedanken lesen. Dabei ist er auf das Lesen ganz anderer Dinge spezialisiert: Drohungen. Schwarz auf Weiß. Absender: Unbekannt.

Der gebürtige Passauer ist Sprachprofiler am Institut für forensische Textanalyse in München – und zugleich der lebende Beweis: Sprachwissenschaft und Spannung, das passt sehr wohl zusammen.

Wenn Firmen oder auch Privatpersonen anonyme Schreiben bekommen, egal ob per WhatsApp, in Foren, als E-Mail oder auf Papier, filtern Rottler und seine Kollegen mit ihrer Analyse-Technik heraus, wer der Absender sein könnte. Statt um Fingerabdrücke, Haare oder DNA geht es bei ihnen um Grammatik, Wortwahl, Ausdrucksweise.

Er selbst spricht überlegt, einen niederbayerischen Dialekt merkt man kaum. Wenn man ihm zuhört, könnte man zig Jahre Berufserfahrung vermuten. Obwohl er erst 25 Jahre alt ist. Rottlers großes Glück: Der Münchner Profi-Profiler Professor Dr. Raimund Drommel ("Der Code des Bösen") hat ihn vor zwei Jahren entdeckt und ihn gefördert. Die AZ hat den Nachwuchs-Profiler getroffen.

AZ: Herr Rottler, wenn ich an anonyme Drohschreiben denke, kommen mir als Erstes Briefe mit ausgeschnittenen Zeitungsschnipsel in den Sinn. Gibt es sowas heutzutage überhaupt noch?
PATRICK ROTTLER: Das war immer schon die Ausnahme. Diese Schnipsel-Technik ist dem Fernsehen zu verdanken. Damit kann man dem Zuschauer auf einen Blick klarmachen: Das ist ein Erpresser-Brief.

Wie kommt denn dann die Standard-Drohung? Per E-Mail?
Die Standard-Erpressung kommt oft noch ausgedruckt per Brief. Das mag mit der Angst verbunden sein, auf technischem Wege enttarnt zu werden. Um sicher zu sein, dass meine E-Mail wirklich anonym bleibt, reicht es nicht, mir ein zweites E-Mail-Konto unter irgendeinem anderen Namen anzulegen. Wer diesen Gedanken hat und nicht zu 100 Prozent weiß, wie man seine IP-Adresse verschleiert, der geht bei harten Erpressungen scheinbar lieber noch auf Nummer sicher.

Erste Ebene der Sprachanalyse: Die Textoberfläche

Sie analysieren tagtäglich die Sprache solcher anonymen Schreiben. Wie gehen Sie vor?
Es geht um Wortwahl, um Grammatik und auch darum, wie der Text aufbereitet ist. Wir analysieren jedes Schreiben auf sechs Ebenen.

Welche sind das?
Es geht los mit der Textoberfläche. Das heißt: Wie ist der Briefkopf gestaltet? Die Anschrift, das Datum, der Betreff, der Einstieg, der Ausstieg? Wie werden Absätze gesetzt? Wird etwas fett oder kursiv hervorgehoben? Welche Muster sind zu erkennen?

Aber wer gestaltet eine Drohnachricht denn genauso förmlich und korrekt wie einen Standard-Brief?
Menschen folgen beim Schreiben ihren Gewohnheiten. Jemand, der zum Beispiel sein Leben lang Geschäftsbriefe geschrieben hat, hat diese Standards so verinnerlicht, dass er gar nicht mehr darüber nachdenkt. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die gar keine Ahnung von formellen Schreiben haben. Die wissen zwar, links oben kommt irgendwo der Empfänger hin, aber das war es dann. Das heißt für uns: Gewisse Berufsgruppen kommen eher in Frage oder fallen schon mal raus.

Sprachprofiling: Auf der Suche nach den Fehlern

Woraus ergeben sich noch Hinweise?
Wir achten beispielsweise sehr genau auf die Satzendungen. Ist der Kasus richtig? Kann jemand Genitiv und Dativ richtig einsetzen? Das ermöglicht Rückschlüsse auf den Bildungsgrad des Absenders.

Sie suchen also eigentlich nach Fehlern?
Ja, es geht viel um Abweichungen von der Norm. Die größte Aussagekraft haben Fehler, die systematisch gemacht werden. Wenn diese aus dem anonymen Schreiben genau so auch im Vergleichstext auftauchen, dann ist der Täter überführt.

Aber dafür braucht man ja erstmal einen Vergleichstext des Verdächtigen.
Wir arbeiten in zwei Schritten: Wenn wir ein anonymes Schreiben bekommen und es noch keinen Tatverdacht gibt, dann drehen wir den Text auf links. Wir werten jeden kleinsten Hinweis aus, um ein möglichst genaues Täterprofil zu erstellen. Ist der Schreiber eher ein Mann oder eine Frau, wie alt könnte er sein, welchen Bildungshintergrund könnte er haben? In vielen Fällen lassen sich auch psychologische Faktoren ableiten: Ist er eher introvertiert oder extrovertiert, auf sich oder auf andere bezogen? Das kann für unsere Auftraggeber oder die Polizei Ermittlungsansätze liefern und die Verdächtigen eingrenzen. Wenn es dann Verdächtige gibt, vergleichen wir deren Sprachmuster mit denen aus dem anonymen Schreiben. Stimmen sie überein, ist der Fall gelöst.

Sie haben vorhin sechs Ebenen erwähnt – welche gehören noch dazu?
Wir analysieren auch Wortschatz und Satzstruktur: Schreibt der anonyme Täter in kurzen Hauptsätzen oder in langen Schachtelsätzen? Aber auch: Wie wird argumentiert? Was für eine Persönlichkeitsstruktur hat der Täter?

Was genau meinen Sie damit?
Es gibt Täter, die beginnen mit einer Entschuldigung: 'Tut mir leid, dass ich anonym schreibe, aber ich fühle mich dazu gezwungen, weil ...'. Bei anderen Tätern liest man die ganze Zeit nur: 'Ich, ich, ich ... mir, mir, mir ... mein, mein, mein ... Ich verlange, ich habe, ich werde ...'. Beides lässt Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur zu.

Frau oder Mann, alt oder jung - Die Sprache verrät es

Sie sagen, man merkt auch, ob es ein junger oder älterer Erpresser ist. Woran?
Ich bin 25 Jahre alt. Wörter wie 'SMS' oder 'Fotoapparat' fühlen sich für mich fremd an. Wenn du heute 40 Jahre oder älter bist, wirst du nicht darüber stolpern. Wenn du heute 75 Jahre bist oder älter, wirst du eventuell darüber stolpern, dass ich dich jetzt gerade duze. Auch Anglizismen wirst du dann vermutlich weniger verwenden. Jede Zeit hat ihre Sprache. In vielen Fällen lässt sich sogar differenzieren, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat.

Drücken sich Frauen anders aus?
Tendenziell schreiben Frauen mehr. Serien mit mehreren Tattexten stammen eher von Frauen. Sie schreiben zudem oft emotionaler – und härter.

Tatsächlich?
Wir hatten vor Kurzem erst einen Stalking-Fall, das Opfer war eine Frau. Sie bekam über Monate derbe Droh-Nachrichten per WhatsApp. Die Beleidigungen – sie stammten letztendlich von ihrer ehemaligen besten Freundin – bezogen sich alle auf die Optik, wie etwa ihre Falten und es fielen Sätze wie: 'Deine Gesichts-Operation ist doch schief gelaufen' oder 'Du und deine Hänge-Titten'. Frauen wissen, welche Aussagen andere Frauen verletzen. Hier war uns sehr schnell klar, dass wir nach einer Täterin suchen.

Und wie schreiben Männer?
Sie formulieren im Vergleich oft kürzer, weniger emotional und eher sachorientiert.

Aber man kann sich als Schreiber doch auch verstellen und absichtlich anders formulieren, als Sie und Ihre Kollegen es erwarten.
Es ist sehr schwierig, das bei einem längeren Text durchzuhalten. Man fällt irgendwann aus dem Muster. Der Klassiker ist zum Beispiel, einen ausländischen Hintergrund vorzutäuschen. Aber spätestens wenn es um die Forderung geht, wird das Deutsch plötzlich wieder besser, weil der Täter ja verstanden werden will.

Kann man jeden mit seiner Sprache charakterisieren?
Sprache ist nicht wie ein Fingerabdruck, dieser ist einmalig und unveränderbar. Sprache kann sich anpassen und dadurch verändern. Aber Sprache enthält immer Spuren aus der Vergangenheit und diese lassen sich zurückverfolgen. Sprache ist also aussagekräftiger als jeder Fingerabdruck.

Rottlers Arbeit: Drohbriefe und Testamente

Womit drohen die Schreiber in der Regel?
Die anonymen Briefe, die bei mir auf dem Schreibtisch landen, sind im Durchschnitt zwei DinA4-Seiten lang. Es wird gedroht, erpresst oder verleumdet. Oft handelt es sich um aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter, die ihren Frust ausleben. Sie drohen zum Beispiel damit, Interna zu veröffentlichen. Dabei werden ganz gerne Fakten derart mit Fiktionen vermischt, dass nach außen ein sehr schlechtes Bild entsteht.

Woher rührt dieser Frust, der in eine Drohung umschlägt?
Die Motivlagen können vielschichtig sein. Ein Konflikt, verletztes Ego oder Dominanzgebaren. Manchmal wissen sie sich nicht anders zu helfen, als anonym anzugreifen. Andere sind schlichtweg zu feige, offen zu ihrer Meinung zu stehen. Die eigene Täterschaft soll verschleiert – oder der Verdacht auf eine andere Person gelenkt werden. Regelmäßig werden wir auch beauftragt, die Echtheit von Testamenten zu überprüfen.

Arbeiten Sie mit der Polizei zusammen?
Zu 80 Prozent arbeiten wir für Unternehmen, die stille Ermittlungen ohne große Öffentlichkeit wünschen. Sie wollen Klarheit haben, um ihre Entscheidungen richtig zu treffen. Wir arbeiten aber auch für Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte.

Ernst oder nicht? Drohungen auf jeden Fall dokumentieren!

Stichwort World Wide Web: Nehmen Drohungen im Zeitalter des Internets zu?
Die Hürde, einen Drohbrief zu verfassen und abzuschicken, ist höher, als einfach ein Fake-Profil bei Facebook anzulegen und damit böse Nachrichten zu verschicken. Auch der Tatort Internet beschäftigt uns daher sehr. Insbesondere öffentliche Verleumdungen und bewusste Rufschädigungen haben stark zugenommen. Bei Straftaten in diesem Bereich fühlen sich die Täter relativ sicher, weil sie davon ausgehen, dass die großen Plattformbetreiber in solchen Fällen nicht mit den Ermittlungsbehörden kooperieren.

Wie merkt man, ob eine Drohung wirklich ernst gemeint ist?
Das ist immer die spannendste Frage: Tut er es oder tut er es nicht? Ist alles nur ein Bluff oder ist echte Sorge gerechtfertigt? Um das zu klären, reicht es nicht, einen einzelnen Text zu bewerten. Hier muss immer das ganze Umfeld analysiert werden. Ist die Drohung überhaupt realistisch umsetzbar? Klingt der Plan plausibel? Gab es vergleichbare Taten in der Vergangenheit? Stimmen die genannten Fakten? Wie konkret sind die Aussagen im Text? Ist der Absender wirklich derjenige, der er vorgibt zu sein?

Wie reagiert man, wenn man selbst ein Drohschreiben erhält?
Das Wichtigste: alle Beweise sichern, nichts wegschmeißen, nichts löschen, genau protokollieren. Das ist sowohl für unsere, als auch für die Arbeit der Polizei wichtig. Bei Gefahr: sofort Polizei einschalten!

Zum Schluss weg von unangenehmen Drohbriefen: Könnten Sie auch anonyme Liebesbriefe entschlüsseln?
Haben Sie da einen Fall? (lacht). Das könnte ich auch. Ob aus Liebe oder Hass – Sprache ist Sprache. Und die kann ich analysieren.


Sein erster Fall: Anwalt boykottiert Anwalt

Über einen Freund der Familie hat Patrick Rottler Professor Dr. Raimund Drommel kennengelernt. Er durfte erst einen Schnuppertag absolvieren, dann mitanalysieren – nun gehört er fest zum Team des Instituts für forensische Textanalyse in München. An seinen ersten Fall erinnert er sich genau: "Die Internetseite einer großen Anwaltskanzlei wurde angegriffen und die Server waren nicht mehr erreichbar", erzählt Rottler.

Ein enttäuschter Mandant? "Auffällig war dabei: Zur gleichen Zeit tauchten auf verschiedenen Bewertungsplattformen negative Bewertungen auf. Ich habe die Texte analysiert und das klang sehr nach Jurist." Also ein Mitbewerber? "Es war tatsächlich ein Anwalt, mit dem die angegriffene Kanzlei sogar regelmäßig zusammengearbeitet hatte."

So entlarvte ihn Sprachprofiler Rottler letztendlich: "Wer falsche negative Rezensionen über andere schreibt, verfasst auch gern positive über sich selber – das hat dieser Schreiber auch gemacht und wir konnten Gemeinsamkeiten ermitteln."

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