Passionsspiele in Oberammergau und Volkstheater München Christian Stückl: Unsicherheit und Tränen

Christian Stückl in der vergangenen Woche bei der Pressekonferenz in Oberammergau, in der er die Verschiebung der Passionsspiele auf 2022 bekanntgeben musste. Foto: Angelika Warmuth/dpa

Christian Stückl über Oberammergau, das Münchner Volkstheater im Shutdown und die Zukunft seines Hauses

Seit 1987 ist der 58-Jährige Spielleiter der Passionsspiele in seinem Heimatort Oberammergau und seit 2002 Intendant des Münchner Volkstheater. Die Leiden Christi wurden im Zuge des allgemeinen Shutdowns wegen des Corona-Virus auf das übernächste Jahr vertagt und in seinem Theater an der Brienner Straße herrscht, wie Christian Stückl frustriert zusammenfasst, „völliger Stillstand“. Die AZ sprach mit ihm über Gott und die Theaterwelt.

 

AZ: Herr Stückl, der Ausfall der Passionsspiele in diesem Jahr hat auch einen spirituellen Aspekt. Anlass dieser Tradition ist der Lobpreis Gottes, der eine Pest-Epidemie für die Oberammergauer glimpflich ausgehen ließ. Jetzt ist es eine Seuche, die diese Huldigung verhindert. Ist das ein böser Scherz vom lieben Gott?
Christian Stückl: Das entspricht nicht meinem Gottesbild. Ich glaube nicht an einen Gott, der da oben sitzt und sich sagt, ich mache jetzt mal einen Witz. Dafür sind wir zu sehr aufgeklärt. 1632 glaubte man, dass jede Katastrophe, jede Krankheit, jedes Hochwasser eine Strafe Gottes sei und die Menschen zu Kreuze kriechen müssen, um Gott ein Geschenk zu machen. Aber davon haben wir uns weit entfernt.

Der „SZ“ gestanden Sie, dass Sie jetzt eigentlich lieber in Indien wären. Sind die Koffer schon gepackt?
Ich habe vor Kurzem mit Indien telefoniert, aber ich dürfte gar nicht fliegen. Ich wäre gerne da, aber ich werde die Koffer erst einmal nicht packen. In Indien schaut es so aus, dass man gar nicht mehr auf die Straße darf, sonst wird man von der Polizei zusammengeknüppelt.

Wir haben jetzt seit drei Wochen mit geschlossenen Theatern Erfahrung machen können. Hat sich im Betrieb, sofern er noch stattfinden kann, eine Routine im Ausnahmezustand entwickelt?
Ich hoffe, dass daraus keine Routine entstehen wird. Es ist eine schwierige Situation und wer will schon, dass sie zur Routine wird. Das will kein Mensch. Wir wollen so bald wie möglich wieder zurück an unsere Plätze und wollen arbeiten. Diesen Zustand hältst du nicht lange aus. Es kann gar keine Routine werden, denn wir stehen ständig vor der Frage, wie es weiter geht und wie wir weiter machen. Es herrscht eine unglaublich große Unsicherheit. Es gibt Sachen im Leben, die kann man sich nicht aussuchen. Die hat man einfach.

Gibt es noch Betrieb im Volkstheater?
Irgendwie läuft der Betrieb noch: Die Verwaltung, das Lohnbüro und die Kasse, die Gelder zurückzahlt. Aber es wird weder geprobt noch in den technischen Abteilungen gebaut.

Ihr Spielplan für den Rest der laufenden Saison ist zunächst Makulatur: Die Uraufführung von „Gehörlosen-Hörspiel“ und die Premiere von „Madame Bovary“ nach Flauberts Roman sind geplatzt. Lassen sich die weiteren Vorhaben retten?
Wir müssen schauen, was nach dem 19. April passiert. Ich habe die Vermutung, dass die Schulen wieder aufgemacht werden müssen, aber die Befürchtung, dass man sagt, die Theater brauchen wir noch nicht. Da gibt es viele Menschen, die eng zusammensitzen. Da wage ich keine Prognose. Das „Gehörlosen-Hörspiel“ ist fertig geprobt und ich habe die Generalprobe gesehen. Das wird auf jeden Fall kommen. „Madame Bovary“ ist schon gut geprobt und wird auch kommen.

Mit „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ von Witold Gombrowicz, „Animal Farm“ nach George Orwell und „Pussy Sludge“ von Gracie Gardner stehen noch auf weitere drei auf der Liste. 
Für diese drei Stücke gibt es Verabredungen und es ist ein großes Problem, ob wir damit beginnen können oder sie auf einen anderen Termin oder eine andere Zeit verschieben müssen. Die nächste Spielzeit ist allerdings auch schon durchgeplant. Wir haben noch in dieser Spielzeit noch Simon Solberg, der für die Eröffnung der nächsten Spielzeit vorproben wollte. Es sind also noch vier Produktionen auf Halde, mit denen noch nicht begonnen wurde. Genaues kann ich im Moment aber noch nicht sagen. Wir müssen dann ganz schnell planen, wenn wir wieder Planungssicherheit haben.

Was geschieht mit den Regiegagen für geplatzte Produktionen?
Das wird gerade geklärt. Es geht nicht nur um die Regisseure, sondern auch um die Schauspieler, die nicht im festen Engagement sind. Die können wir nicht ganz ohne Gage nach Hause schicken. Es gibt, wie bei vielen anderen Theatern, die Überlegung, wenigsten ein Teil auszuzahlen. Sie haben Verträge mit uns, stehen immer für uns zur Verfügung und haben keine Schuld, dass die Produktion ausfällt. Ich bin der Meinung, dass ein Ausgleich geschaffen werden muss.

Sie haben ein sehr gemischtes Ensemble aus Festangestellten und Gästen.
Wir haben viele Stücke mit festen Ensemblemitliedern begonnen wie den „Brandner Kaspar“. Viele wie Maximilian Brückner oder Mara Widmann waren fest im Ensemble und haben jetzt Gastverträge. Wir haben 19 Feste und mindestens genau so viele Gäste.

Kommen wir zur Zukunft. Der Neubau des Volkstheaters galt bisher als eines der wenigen öffentlichen Bauprojekte, die ganz unspektakulär zeitlich wie finanziell im geplanten Rahmen blieben. Ändert die Corona-Krise etwas daran?
Ich kann da auch noch keine Prognosen abgeben. Der Bauunternehmer hat aufgrund der Situation eine Verzögerung angemeldet. Das Theater sollte eigentlich im April 2021 fertig und im Oktober 2021 eröffnet werden. Da haben wir noch einen Puffer drin und vielleicht schaffen wir es trotzdem. Über die finanziellen Auswirkungen kann ich gar nichts sagen. Bis jetzt waren wir mit allem, was wir machen, in der Zeit. Es wird auch weiter gearbeitet, aber nicht im gleichen Tempo.
    

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading