Panorama Vor Tsunami nicht gewarnt

Erst vor zwei bebte in Chile die Erde Foto: dpa

CONCEPCION - Das Erdbeben in Chile hat mindestens 711 Opfer gefordert – Unzählige sind noch vermisst. Plünderer, Tränengas, kein Strom: die Lage auf den Straßen ist außer Kontrolle. Die Hilfswerke bangen um Spenden.

 

Als das Beben beginnt, werden Alberto Rozas und seine siebenjährige Fernanda aus dem Schlaf gerissen. Er schafft es noch, sie in den Eingang des Badezimmers ziehen. Still halten sich Vater und Tochter umklammert. Der Boden bricht unter ihren Füßen weg.

Sie wohnen im 12. Stock. Das Licht des Vollmonds, das durch ein kaputtes Fenster scheint, gibt Rozas wieder Orientierung. Mit Fernanda klettert er ins Freie. Schnitte, Prellungen, Kratzer. Sonst fehlt Vater und Tochter nichts.

„Das Erdbeben und der Fall, das war entsetzlich“, sagt Rozas später. 23 ihrer Nachbarn konnten sich aus dem einstüzenden Haus retten, 60 bleiben am Sonntag verschollen und sieben sind tot. 711 Opfer hat das Beben der Stärke 8,8 gefordert, und es werden immer noch Menschen vermisst.

Alberto und Fernanda Rozas sind zwei von 200000 Einwohnern der Stadt Concepcion, die in diesen Tagen einem Niemandsland gleicht. Plünderer fallen in Apotheken und Supermärkte ein, die Polizei verteilt die Ware zum Teil selbst an Leute, die nach Essen für ihre Kinder flehen, es gibt weder Strom noch Wasser. „Die Lage ist chaotisch, wir tun, was wir können“, sagt ein Polizist. An anderen Supermärkten feuern die Beamten Tränengassalven auf die Massen von Plünderern. Die Lage eskaliert, die Feuerwehr muss die Bergung von Überlebenden unterbrechen. Für die Nacht von Sonntag auf Montag wird ein Ausgehverbot verhängt, die Lage ist außer Kontrolle. „Sagen Sie der Regierung, dass das Ganze hier eine Schande ist“, ruft ein Mann einem Journalisten zu.

Schwere Vorwürfe muss sich auch die Marine gefallen lassen: Sie hätte vor einem Tsunami warnen müssen. Aber schon drei Stunden nach dem Beben kam die Entwarnung: Kein Tsunami. Und doch rollten riesige Wellen über die Küstenregionen hinweg, spülten Schiffe an Land, rissen Häuser ins Wasser.

Die meisten Bewohner Robinson Crusoes wachen von dem Beben nicht auf, nur leichte Stöße erreichen die kleine Pazifikinsel. Die Behörden vor Ort rechnen mit einer Tsunami-Warnung. Doch die bleibt aus. Höher und höher türmen sich die Wellen. Bis der Bürgermeister mit Sirenengeheul warnt. Dann prallte die riesige Welle auf Robinson Crusoe.

Ein Teil der Einwohner schaffte es, sich zu retten. Die Leichen von fünf finden sie später, 14 Menschen vermissen sie noch. Alberto Recabarren überlebt. „Ich wurde drei Mal von den Fluten mitgerissen. Dann konnte ich mich an einen Brombeerstrauch klammern“, sagt der Mann. Der Biologe Ismael Cáceres kann sich einen Berghang hinauf retten. Seine Verlobte schafft es nicht. Sie stirbt. „Das war ein vermeidbares Unglück“, sagt der Vater des Biologen bitter.

„Alles, was sich in Küstennähe befand, verschwand komplett“, sagt ein Pilot nach dem ersten Überflug. Die Kirche. Der Friedhof. Die einzige Schule. Das Bürgermeisteramt – weg. Weil keine Warnung kam, hatten sich die Bewohner der Küstenregionen in trügerischer Sicherheit gefühlt.

Erste Hilfstrupps sind jetzt eingetroffen, Bergungsspezialisten machten sich auf die Suche nach Überlebenden. Über Soforthilfen hinaus hat die Kanzlerin der chilenischen Präsidentin Michèle Bachelet Unterstützung zugesagt.

Nach der großen Hilfe für Haiti rechnet das Hilfswerk Caritas international damit, dass Leute für Chile nicht mehr viel spenden. „Ich befürchte, dass da nicht so viel Geld zusammen kommen wird“, sagt Sprecher Oliver Müller. Hoffentlich täuscht er sich. lka

 

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