Panorama Volkskrankheit Rheuma: Welche Alarmsignale gibt es?

"Nicht resignieren oder zu lange die Zähne zusammenbeißen“, rät Susanne Holst, die 1999 an Rheuma erkrankte, Betroffenen. Foto: AP

Mit steifen Gelenken am Morgen fängt es meist an. Auch TV-Moderatorin Susanne Holst hat das erlebt. Wie die Krankheit Rheuma entsteht, welche Probleme und Lösungen es gibt – sagen Experten. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen im AZ-Überblick.

 

Die gute Nachricht: Rheuma ist dank neuer Medikamente gut behandelbar, die Patienten können auf ein schmerzfreies Leben hoffen. Aber nur, wenn man die Krankheit früh genug erkennt und behandelt.

Die schlechte Nachricht: Genau das ist das Problem. Es gibt immer weniger Rheumatologen – und die Wartezeiten bei den Spezialisten steigen.

Viele Patienten müssen monatelang auf den Besuch beim Facharzt warten. „Damit verstreicht kostbare Zeit bis zur Diagnose und Therapie“, sagt Edmund Edelmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Rheumatologen, zur AZ. Bei uns gebe es noch eine deutliche Lücke in der Versorgung, so der Verbandschef: „Zum Mangel an Fachärzten kommt auch noch das Problem mit den Unis. Die haben zu wenig Geld, um genügend Lehrstühle dafür einzurichten." Die Folge: In manchen Städten müssen Patienten bis zu 21 Monate auf einen Termin beim Spezialisten warten.

Die schlechte Versorgung ist eines der Hauptthemen auf dem Rheumatologen-Kongress, der gerade in München stattfindet. Außerdem werden neue Medikamente und Therapien vorgestellt – und aktuelle Fragen erörtert.

Die wichtigsten beantworten Experten in der AZ.

Wie erkenne ich Rheuma?

Bei TV-Moderatorin Susanne Holst fing es mit steifen Gelenken am Morgen an. „Das sind typische Anzeichen, wie auch Schwellungen“, sagt der Münchner Rheumatologe Mathias Grünke, Oberarzt an der Rheumaeinheit des Universitätsklinikums. Betroffen seien meist die Finger- und Mittelgelenke. „Wer solche Symptome an sich bemerkt, der sollte sofort zum Arzt – das ist ein Alarmsignal.“

Rheuma wird oft als Überbegriff für eine Vielzahl verschiedener Erkrankungen der Gelenke, Knochen, Sehnen und Bänder verwendet. Wenn ein Arzt von Rheuma spricht, meint er aber die rheumatoide Arthritis – die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise den eigenen Körper angreift und die Gelenke zerstört. Die Betroffenen haben starke Schmerzen und leiden häufig an Bewegungseinschränkungen.

Wie viele Menschen sind betroffen?

In Deutschland leiden rund 800000 Menschen an rheumatoider Arthritis. Andere Schätzungen gehen von noch mehr Kranken aus. Eine genaue Statistik gibt es nicht, weil einige Patienten zum Arzt gehen.

Wie entsteht rheumatoide Arthritis?

Die Ursachen sind nicht ganz klar. „Man vermutet, dass die Krankheit durch genetische Veranlagung und äußere Einflüsse entsteht“, sagt Grünke.

Kann man vorbeugen?

„Nein“, sagt der Rheumatologe Wolfgang Beyer, Chefarzt am Orthopädie-Zentrum Bad Füssing. „Es gibt zwar Hinweise darauf, dass viel Bewegung, gesunde Ernährung und Verzicht auf Nikotin helfen, aber auch dann kann man noch Rheuma bekommen.“

Kann man vorbeugen?

Es gibt ganz unterschiedliche Verläufe – typisch für die rheumatoide Arthritis ist ein Verlauf in Schüben. „Bei manchen Patienten geht die Krankheit nach einem Schub schlimmer weiter, bei anderen hört sie danach sogar auf“, sagt Beyer.

Wie sollte man sich als Rheumapatient ernähren?

Manche Ärzte geben Patienten den Rat, nicht mehr als zwei Portionen fettreiches Fleisch oder Wurst pro Woche zu essen. Ob das tatsächlich hilft, ist aber umstritten: „Für diese Diäten gibt es keinen wissenschaftlichen Hintergrund“, sagt Experte Grünke.

Darf ein Rheuma-Patient Sport treiben?

„Ja, aber nicht jede Disziplin“, sagt Beyer. Gut sei beispielsweise Nordic Walking. „Verzichten sollte man dagegen auf Sportarten, bei denen unerwartet starke Kräfte auf die Gelenke wirken, wie etwa Kampfsport."

Wie ist die Versorgungssituation in München?

Hier sieht es nicht ganz so düster aus: In der bayerischen Hauptstadt beträgt die Wartezeit rund fünf Monate. Doch auch das ist schon zu lange, sagt Verbandschef Edelmann: „Wenn der Patient nicht innerhalb der ersten drei Monate nach Beginn der Krankheit behandelt wird, dann verschlechtert sich seine Prognose leider."

Serdarov Kasanobu

 

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