Panorama Umstrittenes Bisphenol A: So giftig ist Plastik

Bunte Plastikwelt: Regisseur Werner Boote auf einem Streifzug im Supermarkt (Filmszene). Foto: Plastic Planet Film-Screenshot

Trinkflaschen, Verpackung, Kleidung - Kunststoff gehört zu unserem Alltag. Doch er schafft nicht nur Müllprobleme. Experten schlagen Alarm: Manches Plastik ist auch gesundheitsschädlich

 

Plastik ist überall: Im Schnuller, in der Flasche, in der Barbie-Puppe, im Auto, in der Kleidung. Doch der nützliche Kunststoff ist längst auch in unsere Blutbahnen gelangt – und schädigt dort die Zellen, verursacht Fettleibigkeit und Krebs. Mehrere Studien, unter anderem vom National Institutes of Health (USA) und der University of Missouri, haben gezeigt, dass uns die Kunststoffmoleküle schaden können.

Die Gefahren von Kunststoffen für Menschen und die Umwelt zeigt der Dokumentarfilm „Plastic Planet“ eindringlich wie nie. Vor allem Bisphenol A (kurz: BPA) steht in der Kritik von Regisseur Werner Boote. Für den Film hat der Österreicher, dessen Großvater ein Pionier der Plastikindustrie war, jahrelang recherchiert, sich durch 700 Studien gearbeitet, mit Wissenschaftlern, Umweltexperten und Vertretern der Plastikindustrie geredet.

Bei der Chemikalie BPA handelt es sich um einen Hauptbestandteil von Kunststoff, der in vielen Produkten vorkommt, etwa in Plastiktassen, Kunststoffschüsseln, Babyflaschen, Folienverpackungen und Mikrowellengeschirr. Löst sich BPA, beispielsweise durch Hitze, Reinigungsmittel oder längere Benutzung, kann es über die Nahrung in unsere Blutbahn gelangen.

Nach Ansicht der Experten in „Plastic Planet“ kann BPA die Entwicklung des Gehirns beeinflussen, das Erbgut schädigen, zu Fettleibigkeit führen und die Spermienproduktion stören. Im Film lässt Regisseur Boote sein Blut untersuchen, der Wissenschaftler findet BPA. „Das bedeutet aber nicht, dass sie unfruchtbar sind – leider“, sagt der Forscher. „Denn sie können immer noch ein abnormales Baby zeugen.“

Auch offizielle Stellen warnen vor Bisphenol A. „Es gibt kaum einen Stoff, der so umstritten ist wie BPA“, sagt Andreas Gies vom Umweltbundesamt zur AZ. „Wir können zwar nicht abschließend klären, ob die Chemikalie schädlich ist, denn dazu bräuchte man Versuche am Menschen. Aber es gibt viele Hinweise darauf.“ Patricia Cameron vom Bund Naturschutz wird deutlicher: „Es ist eindeutig schädlich“, sagt die Wissenschaftlerin. „Zumindest in Produkten, mit denen Kinder in Kontakt kommen wie Babyflaschen, sollte BPA verboten werden.“ In Kanada und einigen US-Bundesstaaten gibt es schon eine solches Verbot.

Die Kunststoffindustrie ist anderer Meinung. „BPA ist zugelassen, die Anwendung ist sicher“, sagt Michael Herrmann vom Branchenverband Plastics Europe zur AZ. „Was der Film über BPA sagt, ist falsch.“

Für Regisseur Boote ist das Verhalten der Industrie eine „Hinhaltetaktik“: „Die Gefährlichkeit wird so lange wie möglich abgestritten, bis das nicht mehr funktioniert. Dann wird der Stoff aus dem Markt genommen, aber dann hatte die Industrie schon 10 bis 20 Jahre Zeit, einen Reservestoff zu entwickeln.“ Auch für BPA gebe es einen Ersatzstoff – der sei aber etwas teurer.

Es ist nicht leicht, zu erkennen, in welchen Produkten BPA enthalten ist. Die Produkte sind bruchfest und durchsichtig. Das Recycling-Symbol (ein Dreieck aus Pfeilen) hilft: Die Nummer 7 steht für verschiedene Kunstoffe, unter anderem Polycarbonat, in dem BPA enthalten. Die 7 allein ist aber noch kein sicherer Hinweis. Manche Hersteller etikettieren ihre Schnuller mit „BPA-frei“.

Inzwischen wurde so viel Kunststoff produziert, dass man die Erde sechs Mal mit Plastikfolie einwickeln könnte. Trotzdem fordert Boote nicht: Kauft kein Plastik mehr. „Aber wenn es mir gelingt, Menschen zum Nachdenken zu bringen, haben wir schon viel gewonnen.“

Denn der viele Konsum von Plastik bringt noch ein anderes Problem: Den Abfall. Kunststoff überdauert bis zu 500 Jahre und verschmutzt nicht nur das Festland. Rund 80 Prozent des Mülls gelangt über Flüsse in die Ozeane. Im Nordpazifik hat sich ein riesiger Müllwirbel gebildet, knapp vier Mal so groß wie Deutschland, in dessen Zentrum rund drei Millionen Tonnen Plastikmüll rotieren.

Auch viele andere Teile des Meeres sind mit Plastik verseucht. Millionen Tiere werden so getötet: Seevögel, die die Partikel für Nahrung halten und ihre Nachkommen damit füttern. Schildkröten, die Plastiktüten mit Quallen verwechseln und mit vollem Bauch verhungern. Und selbst wenn Fische nicht an den Plastikteilen in ihrem Magen sterben, landen sie bei uns auf dem Teller – und so gelangen die Chemikalien in unseren Körper.

Sein Film startet am Donnerstag, einen Erfolg kann Regisseur Boote aber schon jetzt feiern: Nachdem die Doku beim Filmfestival in Abu Dhabi lief, hat das Emirat reagiert – und ein Verbot von Plastiktüten ab 2013 verhängt.

Der Dokumentarfilm „Plastic Planet“ startet am Donnerstag in den Kinos. Am Sonntag (11 Uhr) im City Kino diskutiert Regisseur Werner Boote nach der Vorführung mit Zuschauern. Karten: Tel.591983

Kasanobu Serdarov

 

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