Panorama (K)eine Chance für Babys

Die Babyklappe: Sie soll verhindern, dass überforderte Mütter ihre Neugeborenen aussetzen oder gar töten. Foto: dpa

Seit zehn Jahren können ungewollte Kinder anonym abgegeben werden. Ausweg oder Sackgasse? Das sagen Beteiligte und Kritiker

 

Die Mütter, die ihr Baby bei uns in die Klappe legen, glauben, dass sie nicht gut genug für ihr Kind sind“, sagt Leila Moysich. „Es sind keine Frauen am Rand der Gesellschaft, sondern Studentinnen, Abiturientinnen oder auch Alleinerziehende, die bereits Kinder haben.“ Frauen, die ihrem Kind eine heile Welt bieten wollten, aber in ihrem Umfeld nicht aufgefangen würden. „Die Väter spielen dabei keine Rolle“, so Moysich zur AZ. „Höchstens eine negative.“

Am 8. April vor zehn Jahren hat sie mit der Hamburger Jugendhilfe „Sternipark“ das Projekt „Findelbaby“ um die bundesweit erste Babyklappe erweitert (Notruf-Nummer bundesweit und kostenlos: 0800 456 0 789) – als Reaktion auf zwei tote Neugeborene, die in den Wochen davor in einem Schuhkarton am Straßenrand und im Müll gefunden worden waren. „Meist ist das Baby, dass uns gebracht wird, noch nicht abgenabelt“, sagt Moysich. „Was darauf hindeutet, dass die Mutter es selbst zur Welt gebracht hat.“

Sobald ein Säugling hinter der Klappe auf dem Wärmebettchen abgelegt ist, ertönt ein Alarm. Das Kind wird dann sofort medizinisch betreut und kommt für acht Wochen in eine Pflegefamilie. Wenn sich die Mutter bis dahin nicht meldet, wird es zur Adoption frei gegeben.

Babyklappen gab es bereits im Mittelalter

Die Idee ist nicht neu: Bereits 787 wird in Mailand eine Einrichtung für Findelkinder gegründet. Mütter, die ihre Kinder weggeben wollen, werden damals schon vor der Niederkunft aufgenommen. Später gibt es in vielen mittelalterlichen Klöstern einen so genannten Drehladen – durch den das ungewollte Kind anonym ins Klosterinnere kommt. 1709 richtete ein holländischer Kaufmann eine Klappe in einem Hamburger Waisenhaus ein.

Mittlerweile gibt es in Deutschland 80 Babyklappen. Beim Hamburger Findelbaby sind seit der Gründung 38 Babys „verklappt“ worden. „Jede Klappe soll Neugeborenen davor schützen, ausgesetzt oder sogar getötet werden“, sagt Leila Moysich. Diese Zahl sei deutlich gesunken.

Auch ihrem Ziel, „dass die Mütter sich melden“, ist sie näher gekommen. 14 von den 38 Müttern haben ihr Baby zurückgenommen. „Wenn die Liebe und Sehnsucht der Mütter stärker ist als ihre Angst und Sorgen, dann merken sie oft, dass sie gar nicht so allein sind, wie sie anfangs dachten, dass Familie und Freunde sie durchaus unterstützen.“

Anonyme Geburten sind nach deutschem Recht verfassungswidrig

Das klingt einleuchtend. Kritiker sehen das freilich anders. „Die Zahl der Kindstötungen hat bundesweit nicht abgenommen“, sagt Michael Heuer von terre des hommes. „Die Klappen scheinen diese Frauen nicht zu erreichen.“ Sie handelten in Panik, nicht rational. Ein weiteres Problem, so Heuer: „Es gibt keine gesetzliche Grundlage.“ Klappen und anonyme Geburt sind nach deutschem Recht verfassungswidrig, werden nur geduldet. Er fordert, die Schließung der Klappen und mehr Angebote wie Adoptionen.

Bei einer Adoption erfährt der oder die Betroffene später einmal, wer die leiblichen Eltern sind. Ein Findelkind weiß nichts über seine Familiengeschichte. Das führe bei diesen Kindern später oft zu Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, präge ihr Leben als Verlierer, prangern andere Klappen-Gegner an. Leila Moysich kennt die Argumente: „Das Recht auf Leben geht dem Recht auf Herkunft vor“, kontert sie. Und Schwester Daniela von der „Lebenspforte“ in Solln (die zweite Münchner Babyklappe gibt es im Klinikum Schwabing) sagt: „Was nützt es einem Kind, wenn es seine Wurzeln kennt, von der Familie aber mit Füßen weggetreten wurde. Da ist es doch besser, es wächst in einer Familie auf, wo es angenommen wird.“

Ähnlich sieht es Dana Schweiger, die mit Til „Zweiohrküken“-Schweiger vier Kinder hat und sich seit 2004 für das Hamburger Projekt engagiert: „Ihr Kind gibt eine Mutter eigentlich für nichts in der Welt her. Es sei denn, sie ist in großer Not. Und dann müssen wir helfen.”

Renate Schramm

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