Panorama AZ-Medizinserie (1) Ein Mini-Computer für das Herz

Illustration Foto: Martha Schlüter

Ein echtes Power-Gerät: Wenn die Herzfrequenz nicht mehr ausreicht, dann sorgt ein Schrittmacher für den richtigen Rhythmus

 

Von Michael Backmund

Sie wiegen heute nur noch etwa 30 Gramm, sind sieben Millimeter dick, fünfeinhalb Zentimeter lang und vier breit. Doch diese „kleinen Kästchen“ sind vollgestopft mit modernster Hochtechnologie und retten so täglich viele Leben: Wie ein Mini-EKG kontrollieren und überwachen sie Tag und Nacht den Herzrhythmus und erkennen sofort, wenn die Herzfrequenz ihres Patienten nicht ausreicht. Dann übernimmt der Schrittmacher den Takt und stimuliert das Herz regelmäßig, ohne dass der Patient etwas davon bemerkt.

Aber damit nicht genug: „Heute können sich Herzschrittmacher der Aktivität der Träger sogar individuell anpassen“, sagt Ellen Hoffmann. Die Professorin ist Chefärztin für Kardiologie am Klinikum Bogenhausen, das wie das Deutsche Herzzentrum Jahr für Jahr in München am meisten Herzschrittmacher implantiert. „Diese hochkomplexen winzigen Computer haben spezielle Sensoren etwa für Bewegungen und Atmung und lassen sich so individuell auf die einzelne Person einstellen.“

Das war früher anders: Der erste Schrittmacher weltweit wurde erst 1958 in Schweden implantiert. Doch damals waren die Geräte noch viel größer, schwerer, unangenehmer und längst nicht so individuell wirksam. Haben Ärzte im Jahr 1982 in Deutschland erst 12312 Herzschrittmacher eingesetzt, sind es heute jährlich rund 66 000 Neuimplantationen. Tendenz steigend. Ein Segen für eine immer älter werdende Gesellschaft.

„Die Ursache, warum immer mehr Menschen im Laufe ihres Lebens einen Schrittmacher brauchen, liegt häufig im Alterungsprozess des Herzens selbst begründet“, erklärt Hoffmann. So werden zum Beispiel bei der „AV-Blockierung“ die Leitungen der Herzmuskelzellen durch eine vermehrte Bildung von Bindegewebe gestört. Blockiert wird so die elektrische Verbindung zwischen den Vorhöfen und den Herzkammern: „Da fließt kein Strom mehr durch. Das ist der Grund für rund ein Drittel aller Schrittmacher“, sagt Rhythmusexpertin Hoffmann. Weitere Ursachen sind eine Störung des natürlichen Taktgebers, des Sinusknotens oder ein bradykardes Vorhofflimmern mit zu langsamen Aktionen der Herzkammern.

Nur sechs Prozent der Patienten, die einen Schrittmacher brauchen, sind unter 60 Jahre. Im Durchschnitt haben die meisten Betroffenen also ihren 75. Geburtstag bereits gefeiert. Häufig taucht das Problem aus heiterem Himmel auf: „In der Regel handelt es sich um ein akutes Geschehen, bei dem ein plötzlicher Leistungsknick mit starkem Schwindel und Atemnot bis hin zur Bewusstlosigkeit auftritt“, warnt Prof. Hoffmann. Betroffene sollten dann sofort in die Klinik (siehe unten).

Dort ging für Gertraud Meier alles sehr schnell: Bereits auf der Überwachungsstation wurde ihr eine „temporäre Schrittmachersonde“ über die Vene in die rechte Herzkammer gelegt – so konnte durch einen externen Schrittmacher der Herzrhythmus wieder normalisiert werden. Es folgten Untersuchungen und die Therapie-Entscheidung: „Am nächsten Morgen war ich gleich die erste Patientin, die einen Schrittmacher implantiert bekam“.

„Bei komplizierten Rhythmusstörungen, die eine erweiterte Diagnostik nötig machen, ist eine Behandlung in einem spezialisierten Herzrhythmuszentrum sinnvoll“, empfiehlt Chefärztin Ellen Hoffmann. Bei der individuellen Feineinstellung des Schrittmachers spielt die Erfahrung eine wichtige Rolle. Die erste Programmierung erfolgt noch in der Klinik und im weiteren Verlauf nach Entlassung durch den niedergelassenen Facharzt.

Letztlich bestimmt diese Programmierung das individuelle Therapieergebnis. Außerdem sei es wichtig, dass Patienten den Schrittmacher annehmen, sagt Chefärztin Hoffmann: „Für die Lebensqualität spielt die Akzeptanz eine große Rolle“. Nach dem Motto: Den Schrittmacher als Freund, nicht als Fremdkörper begreifen, sondern als Hilfe, die den Betroffenen wieder alle Aktivitäten ermöglicht. „Patienten können mit einem Schrittmacher alles machen“, sagt Ellen Hoffmann. Wichtig ist für einen langfristigen Erfolg aber die regelmäßige Kontrolle: Die zweite Feinabstimmung nach vier Wochen, eine nach drei Monaten und ab dann halbjährlich. Nach fünf bis zehn Jahren muss das „kleine Kästchen“ , das für einen regelmäßigen Herzschlag sorgt, ausgewechselt werden - denn irgendwann ist auch die stärkste und modernste Lithium-Batterie aus.

 

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