Panik, Trauer, Ausnahmezustand So erlebten die Münchner den Anschlag am OEZ

Mit dem Schrecken davongekommen: Eine Gruppe trauernder Menschen versammelt sich an der Kreuzung direkt vor dem Olympia Einkaufszentrum. Foto: dpa

Die Münchner Christine Rapp, Matthias Weber, Rudolf L. und Marion P. waren vor Ort, als die Schüsse am Freitagabend am OEZ krachten. Wie sie diesen schrecklichen Moment erlebt haben, erfahren Sie hier.

 

München - Als Christine Rapp vom Bezirksausschuss Moosach in ihrem Wohnblock neben dem OEZ die Schüsse hört, rennt sie sofort nach draußen. Beim Eingang zum Karstadt laufen panisch Menschen auf die Straße. Gegen den Strom kämpft sich die Moosacherin ins Gebäude. Drinnen trifft sie auf eine verzweifelte Rollstuhlfahrerin, hilft der Frau ins Freie. Und steigt hoch in den ersten Stock.

Vor dem H&M-Geschäft das erste Schreckensbild: Ein Mensch liegt vor dem Laden, zugedeckt mit einer goldenen Folie. „Der Mensch war noch sehr jung“, berichtet Christine Rapp später, „ich konnte dort nichts mehr tun, da waren schon Helfer da.“ Wenig später stürmen SEK-Beamte den Flur, Rapp ruft ihnen, zu, dass vorn der Eingang nicht abgesperrt ist, dass noch Leute in die Gefahrenzone hinein können.

Christine Rapp vom Bezirksausschuss Moosach läuft nach den Schüssen ins OEZ, um zu helfen.

"Jetzt muss ich weinen"

Entsetzlich wird der Anblick, als die Moosacherin am Westausgang das Einkaufszentrum verlässt: Am U-Bahneingang und vor dem Saturn liegen vier Menschen zugedeckt auf der Straße. „Einer der Männer war tot“, berichtet sie. „Der zweite hat noch die Augen bewegt. Ob eine Frau dabei war, weiß ich nicht.“

Daheim in ihrem Wohnblock sind inzwischen die Wohnungen der Nachbarn voll mit Menschen, die aus dem OEZ geflüchtet, mit den Nerven völlig fertig sind – aber wegen der Absperrungen nicht nach Hause können. „Ich muss da jetzt hin und die Leute versorgen helfen“, sagt Frau Rapp. „Ich glaube, jetzt muss ich gleich weinen.“

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"Lauft, lauft!"

Fahrlehrer Matthias Weber hat gerade das Fahrschulauto von einem Fahrer zum anderen wechseln wollen, als die Schüsse fielen. Zur AZ sagt er später: „Ich dachte, das wären Böllerschüsse. Dann rannten plötzlich Hunderte Menschen an uns vorbei, schrien, weinten und riefen ,Lauft, lauft!’“

Seine Fahrschüler und er schlugen sich zwischen die Häuser, das Fahrschulauto blieb stehen, steht auch immer noch in abgesperrtem Gebiet. „Das war wie Ausnahmezustand.“

Eine junge Frau läuft mit tränenüberströmtem Gesicht durch die Straßen. Ihre zehnjährige Tochter ist im Matratzenlager im OEZ eingeschlossen, es soll ihr aber gut gehen, das weiß sie immerhin schon. „Darf ich bei Ihnen in die Wohnung?“, fragt sie fremde Menschen, die gerade vor ihrer Haustür stehen. „Ich bin auch nicht bewaffnet.“ Zu zehnt sitzen bis zum späten Abend also fremde Menschen gemeinsam in einem Wohnzimmer einer türkischen Familie, sehen fern und halten sich im Arm.

Fahrlehrer Matthias Weber.

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"Schüsse peitschten"

Der Münchner Rudolf L. bekam einen Anruf von seiner Frau. Die war vor Ort im Olympia-Einkaufszentrum nach der Arbeit und wollte eigentlich bummeln gehen: „Sie war völlig aufgelöst und unter Schock. Die Schüsse sind an ihr vorbeigepeitscht, die Menschen sind schreiend weggelaufen.“ Rudolf L. wirkt gefasst, als er mit mit der AZ spricht. Er wird aber nicht durchgelassen. Immerhin steht fest: Seine Ehefrau ist unverletzt.

Der Münchner Rudolf L.

"Ich dachte nur: weg, weg, weg!"

Marion P. (53) sucht nach der Arbeit im OEZ nach einem Geschenk. Plötzlich rennt die Verkäuferin im „Depot“ hektisch weg. „Ich war auf einmal ganz allein im Laden“, erzählt die Münchnerin. Dann knallt es, viele Male hintereinander. „Mir war sofort klar: Das ist ein Attentäter!“

Über einen Notausgang flüchtet Marion P. und rennt raus, zurück an ihren Arbeitsplatz. Auch jetzt hört sie von oben noch Schüsse krachen. „Ich dachte nur: weg, weg, weg! Und als mir klar wurde, was ich für ein Glück hatte, habe ich geweint.“

Marion P. wollte im OEZ ein Geschenk kaufen. Foto: Daniel von Loeper

 

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