Pächter macht Schluss München: Steht der Ochsengarten vor dem Aus?

Von außen schaut’s unspekatulär aus – innen war’s öfter mal wild. Foto: F. Dosch

Der Pächter der ältesten Münchner Lederkneipe hört nach mehr als 40 Jahren auf. Jetzt sucht er einen Nachfolger für das Lokal am Sendlinger Tor in der Müllerstraße.

 

München - Was im Ochsengarten passiert, bleibt im Ochsengarten. So ist das. So war das in den vergangenen 50 Jahren. Und so soll es auch bleiben. Allerdings ist die Zukunft der legendären Schwulenbar in der Müllerstraße ungewiss. Denn Wirt Friedl Steinhauser hat angekündigt, dass er aufhören will.

Schon lange gibt es an der Adresse in der Müllerstraße 47 eine Schänke. Das Haus stammt aus der Zeit um 1800, Roß- und Rindermarkt sind nicht weit weg und auch die Flößer kamen gern auf eine Halbe dort vorbei. Vor allem aber Bauern, die ihre Tiere kauften und verkauften, gaben dem einstigen Biergarten seinen heutigen Namen.

Ochsengarten war seit den 60er Jahren ein beliebter Schwulentreff

Zwischen den Weltkriegen, aber auch nach 1945 war die Isarvorstadt ein beliebtes Rotlichtviertel, der Ochsengarten ein Animierschuppen. Geführt hat ihn seit Mitte der 60er Jahre Augusta Wirsing – von allen nur Gusti genannt. Sie machte aus dem Ochsengarten, dem Treffpunkt der Sexarbeiterinnen, eine Anlaufstelle für junge homosexuelle Männer. Genauer: für solche mit Lederfetisch. Und das, obwohl sexuelle Handlungen zwischen Männern damals noch unter Strafe standen und die bayerische Politik dem alles andere als tolerant gegenüberstand.

Von Gusti übernahm Fridolin Steinhauser 1978 den Ochsengarten und alles, was dazugehörte. Im Allgäu geboren und eigentlich gelernter Metzger war er als 24-Jähriger nach München gekommen, schnell Stammgast im Ochsengarten, dann Kellner und ist dort mittlerweile seit vier Jahrzehnten Wirt. Jetzt ist für ihn Schluss – allerdings nicht wegen Corona, sondern weil er 72 Jahr alt ist. "Für so ein Geschäft braucht es vielleicht auch mal wieder jemanden Jüngeres. Jemanden, der jeden Tag frisch hinter dem Tresen stehen kann", sagt er. Gesehen hat er in der Zeit vieles, vor allem, wie sich das Viertel rund um den Gärtnerplatz, aber auch die schwule Szene selbst veränderte.

In 50 Jahren kam nicht einmal die Sittenpolizei

Der Straßenstrich in der Müllerstraße wurde zwar erst zu den Olympischen Spielen 1972 verschärft kontrolliert. Unter Peter Gauweiler (CSU) als rigidem Leiter des Kreisverwaltungsreferats hatten die Wirte der Isarvorstadt vor allem in den 80ern wenig Spaß. Der CSU-Mann erweiterte den Sperrbezirk, drängte die Prostitution an den Stadtrand und ging hart gegen Peepshows, Sex-Clubs und die Treffpunkte homosexueller Männer vor. Doch in den mehr als 50 Jahren, die es den Ochsengarten gibt, sei nicht ein Mal die Sittenpolizei ins Lokal gekommen, sagte einmal ein Mitarbeiter zur AZ – obwohl es dort bis vor Corona noch regelmäßig Nacktpartys und ein Spielzimmer für sexuelle Verabredungen gab.

Längst stehen schwule Gastronomen aber vor ganz anderen Herausforderungen: Ihnen bleiben die Gäste weg. Gab es in den 80er Jahren in der Isarvorstadt noch an die 50 Szenekneipen, sind es heute nur noch n eine handvoll. Das hat auch damit zu tun, dass Homosexuelle nicht mehr auf die dunklen Hinterzimmer der Gaststätten angewiesen sind. "Die Szenelokale hatten auch immer eine große Bedeutung, um Sexkontakte zu finden", sagt Stadtrat Thomas Niederbühl (Rosa Liste), "durch das Onlinedating hat sich zwar viel verändert, dennoch merken wir, dass queere Menschen ein großes Bedürfnis nach sozialen Kontakten haben". Auch deshalb seien Rückzugsräume, wie der Ochsengarten für die LGBTI*-Community so wichtig.

Findet der Fetisch-Treff einen neuen Pächter?

Gastronom Friedl Steinhauser kennt das alles nur zu gut. Schon einmal hat er einen Laden zumachen müssen: Die Teddy Bar in der Hans-Sachs-Straße – mit den berühmten Plüschbären an der Decke, heute Bäckerei und Kosemtikstudio – schloss endgültig im Jahr 2011, nachdem sie wegen Luxussanierung in die Pestalozzistraße hatte umziehen müssen.

Ob den Ochsengarten dasselbe Schicksal ereilt, ist ungewiss. Immerhin handelt es sich um die älteste noch existierende Schwulenkneipe in der ganzen Stadt.

Da die Kneipe dem schwulen Fetisch vorbehalten ist, hofft auch Thomas Niederbühl, dass sich ein Nachfolger findet. "Bei allen guten gesellschaftspolitischen Veränderungen ist es wichtig, dass solche Räume nicht verlorengehen", sagt er. Auch Steinhauser ist zuversichtlich: "Wenn die Nachfolge es gut macht, hat das ganze Zukunft", sagt er.

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