Osterfestspiele Salzburg Die Kammeroper „Thérèse“ von Philipp Maintz

Avantgarde-Diva Marisol Montalvo als Thérèse. Foto: OFS/Matthias Creutziger

Die Kammeroper „Thérèse“ von Philipp Maintz nach Émile Zola in der Salzburger Uni-Aula

 

Es ist eine ungeheuerliche Geschichte. Thérèse und ihr Liebhaber haben Camille umgebracht. Weil sie denken, dessen Mutter sei gelähmt und bekomme ohnehin nichts mehr mit, reden sie in ihrer Anwesenheit über den begangenen Mord. Darunter leidet die Mutter ungeheuerlich. Und sie kann sie, zum Reden unfähig, auch nicht verraten. Am Ende genießt sie ihre Rache, wenn die beiden verzweifelten Mörder Blausäure nehmen und vor ihr tot auf dem Boden liegen.

Hochdramatisches Innenleben dieser Art ist ein Privileg der Literatur und nur schwer auf die Bühne zu bringen. Der Komponist Philippe Maintz hat es in seiner Kammeroper nach Émile Zolas „Thérèse Raquin“ versucht, die bei den Salzburger Osterfestspielen uraufgeführt wurde. Es ist ihm in einer ähnlichen Biederkeit misslungen wie „Maldoror“ nach Lautreamont bei der Münchener Biennale 2010.

Braves Literaturtheater

Die im Roman verstummte Madame Racquin röchelt in der Großen Universitätsaula zu einem Bach-Choral wie im Bauerntheater „Mörder! Mörder!“. Am Ende steigt die Akkordeonistin auf die Bühne und spielt neben der Gelähmten ein paar gleißende Akkorde – einer der wenigen Momente, in der Maintz die Komfortzone des nacherzählenden Literaturtheaters verlässt. Wer aber den Roman nicht kennt, versteht weder, dass sich das Mörderpaar eben durch Blausäure selbst gerichtet hat, noch dass sich die Musik des Akkordeons auf die Gefühle der alten Frau beziehen könnten.

Maintz arbeitet den Roman brav wie im Degeto-Fernsehspiel ab, ohne die vielfältigen Möglichkeiten des Theaters am Beginn des 21. Jahrhunderts zu nutzen. Das ist umso ärgerlicher, als vier Extremdarsteller des Neuen Musiktheaters zur Verfügung stehen: die auch als Darstellerin hochintensive Avantgarde-Diva Marisol Montalvo als Thérèse, der vor Männlichkeit strotzende Otto Katzameier als Laurent, die an Martha Mödl erinnernde Ex-Hochdramatische Renate Behle als Madame Racquin und der Countertenor Tim Severloh als schwächliches Opfer der nach Leben gierenden Thérèse und ihres Liebhabers.

Im neutralen Ungefähr

Aber Maintz macht nichts mit ihnen. Für ein Kammerensemble aus Streichern, Bläsern und einem Schlagzeuger hat er eine flirrende Hörspielmusik mit Bläsergewühl und ächzenden Streichern geschrieben. Und er begeht den größten Fehler musikdramatischen Komponierens: Er bleibt im neutralen Ungefähr zwischen einer Distanzierung und der guten alten Illustration der Gefühle seiner Figuren. Wenn es dramatisch oder sexuell wird, kracht das Schlagzeug wie bei Dmitri Schostakowitsch, der in „Lady Macbeth von Mzensk“ eine ganz ähnliche Geschichte eines mordenden Paars erzählt, das seiner Tat nicht froh wird.

Das ist kein Vergleich, der zugunsten von Maintz’ ausfällt. Warum an einigen Stellen die Musik zwischen den 42 kurzen Szenen fehlt, erschließt sich nicht. Regisseur Georges Delnon macht dann einfach das Licht aus. Seine Inszenierung belässt die Handlung im hochgeschlossenen Kostüm des kleinbürgerlichen 19. Jahrhunderts (Ausstattung: Marie-Thérèse Jossen). Mehr als sachdienlich ist sie nicht.

Mehr Profil wagen

Nächstes Jahr folgt noch die Uraufführung einer Neufassung Hans Werner Henzes „La Cubana“. Dann endet mit der Intendanz von Peter Ruzicka auch die Ära moderner Kammeropern bei den Osterfestspielen.

Das ist – jenseits dessen, was an „Thérèse“ zu kritisieren ist – ein Verlust. Denn wenn dieses Festival mehr sein will als ein luxuriöser Treffpunkt für Reiche und Alte, braucht es für ein geschärftes Profil auch die Neue Musik und die Auseinandersetzung mit der Kunst der Gegenwart.

Noch einmal am Mittwoch, 17. April, 18 Uhr in der Uni-Aula

 

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