Orff-Festival Andechs Das Fähnlein hochhalten

So voll wie vor einigen Jahren bei einer Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ wird es heuer im Andechser Florianstadl nicht werden. Foto: Stefan A. Schuhbauer

Florian Zwipf-Zaharia über das coronabedingt reduzierte Programm des Orff-Festivals Andechs und Ammersee

 

"Orff trotzt Corona!“ verkünden die Verantwortlichen des Orff Festivals Andechs - Ammersee. Zwar musste eine Fülle von Veranstaltungen zum 125. Geburtstag des gebürtigen Münchners Carl Orff am heutigen Freitag abgesagt werden. Was vom Programm übrigbleibt, erklärt Florian Zwipf-Zaharia.

AZ: Herr Zwipf-Zaharia, wie ist die Lage beim Orff Festival nach den Absagen wegen der Pandemie?
FLORIAN Zwipf-Zaharia: Es hat uns ins Mark getroffen. Wir hatten szenische Produktionen, Orchesterkonzerte, nicht zuletzt eine große Produktion von Orffs „Carmina Burana“ in Kaltenberg geplant. Alles musste auf das nächste Jahr verschoben werden. Es gibt zwei Ausnahmen: zwei Kammermusikkonzerte. Wir haben das Glück, dass wir alle Künstler ins nächste Jahr mitnehmen können, aber ihnen entgehen dadurch natürlich die Engagements, die sie in dieser Zeit gehabt hätten.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?
Wir haben das große Glück, dass sich unsere Finanzierung zusammensetzt durch die Orff-Stiftung und einen Bescheid vom Kulturfonds Bayern. Beide sind nicht an Kommunen gebunden, die große Probleme haben und noch größere bekommen werden. Der Freistaat hat gesagt, dass die Bescheide für dieses Jahr hundertprozentig ins nächste Jahr mitgenommen werden können. Also die Finanzierung steht.

Wie schwierig war es, die Genehmigung für die zwei Kammermusiktage zu bekommen?
Man wird da von einem zum anderen weitergeschoben. Das müssen die vor Ort zuständigen Landratsämter genehmigen, und die Verantwortlichen können sich auch nur an den Text der Verordnungen halten. Zum Beispiel hieß es noch bis vor Kurzem, dass alle Veranstaltungen höchstens 60 Minuten dauern dürfen.

Aus welchem Grund?
Diese Regelung erklärt sich daraus, dass man davon ausgeht, dass die Leute nur eine Stunde aushalten, bevor sie auf die Toilette gehen müssen. Der Einlass muss nach einer ganz genau festgelegten Ordnung stattfinden: Wer am hintersten Platz sitzt, muss als erster reingehen, damit er niemandem zu nahe kommt. Wenn man das aber auch noch in der Pause machen müsste, wird es schwierig. Also machen wir in Andechs jetzt ein einstündiges Konzert zweimal, weil man dann doppelt soviele Zuschauer unterbringen kann.

Was sieht Ihr Hygienekonzept darüber hinaus noch vor?
Zunächst läuft die Ticketbestellung über personalisierte Antragsformulare. Die Leute dürfen entweder alleine sitzen oder zu zweit oder zu dritt, wenn sie aus einem Hausstand kommen. Also haben wir ein Online-Formular, auf dem man sich mit allen Daten eintragen muss, sodass wir wissen und nachweisen können, wer wo sitzt. Es gibt keine Garderobe und kein Catering. Es treten auch keine Bläser auf, sondern nur Streicher, zwei Pianistinnen und eine Sängerin, Lioba Braun. Die Bühne ist so groß in Andechs, dass alle Abstände eingehalten werden können, und es gibt im Florian-Stadl in Andechs, einem sehr hohen Raum, eine sehr gute Lüftung, sodass die Ansteckungsgefahr dort denkbar gering ist. Im Freien kann man sich bewegen, wie man will.

Rechnet sich dieser Aufwand?
Nein. Es geht nur darum, das Fähnlein aufrecht zu halten, zu zeigen, dass wir da sind und wieder kommen, auch den Künstlern die Möglichkeit zu geben, aufzutreten und Geld zu verdienen. Aber ein Draufzahlgeschäft kann sich kein Veranstalter leisten.

Die Musiker spielen an einem Tag zweimal, ist das kein Problem?
Am ersten Tag wird es nur Cellosonaten geben, also ein Programm, am nächsten Tag gibt es dreimal eine Stunde mit jeweils anderem Programm, sodass man sich für drei verschiedene Konzerte Tickets sichern kann. Die Musiker sind froh, dass sie spielen können, die sind ja sowieso sehr duldsam. Das ist auch das Problem, dass es keine Lobby gibt für die Musikkultur.

Warum ist die Lobby eigentlich so schwach?
Das hat mit der Individualität der Künstler zu tun. Aber auch damit, dass es uns immer ganz gut ging, was dazu geführt hat, dass wir nicht organisiert sind. Die Unverhältnismäßigkeit, die im Moment vorherrscht, wenn man etwa die vollbesetzten Flugzeuge sieht, schreit nach Veränderung. Warum kann man in einem Raum 120 Abiturienten ohne Mundschutz Abitur schreiben lassen, aber am Abend dürfen nur 100 Leute zusammensitzen? Die Kultur kann man halt wegdrücken, obwohl in Bayern die Kulturwirtschaft der viertgrößte Wirtschaftszweig ist.

In einem der Programme tritt ein Kabarettist auf. Was hat das mit Carl Orff zu tun?
Andreas Rebers hat ein Programm über Ludwig van Beethoven zusammengestellt, das er immer wieder durch Musikbeiträge unterbricht. Wir haben ja die Konstellation, dass Orff 125 Jahre würde und Beethoven 250. Das würdigen wir, indem wir beide Komponisten gegenüberstellen. Zum Beispiel erklingen die Gellert-Lieder von Beethoven in einer Bearbeitung für Sopran und Streichquartett, dagegen stellen wir frühe Klavierlieder von Orff.

Was haben Beethoven und Orff miteinander zu tun?
Orff hat Beethoven kennengelernt, indem er mit seiner Mutter die Symphonien vierhändig gespielt hat. In seiner Biographie schreibt er, dass ihm die Symphonie Nr. 7 am besten gefallen hat. Das war für uns der Anlass, diese Symphonie für Streichquartett und Klavier vierhändig bearbeiten zu lassen. Orff hat sich sehr mit Beethoven, mit seiner Kompositionstechnik auseinandergesetzt.

Was sollten die Festivals in der gegenwärtigen, von Corona bestimmten Situation tun?
Es ist wichtig, dass die Kunst den Stellenwert zurückbekommt, den sie vor Corona gehabt hat. Man muss der der Musik und dem Theater die Möglichkeit geben, relevant aufzutreten, auch durch die Sicherstellung der Finanzierung. Ich persönlich bin etwa kein großer Freund von Streaming-Konzerte, weil die Kunst da verschleudert wird. Man gewöhnt sich als Zuschauer sehr schnell daran, anstatt zu versuchen, Karten für das Konzert selbst zu bekommen. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, was das Konzertleben ausmacht: die Kommunikation zwischen Musikern und Publikum. Man geht gemeinsam in ein Konzert, um ein Erlebnis zu haben, um darüber zu diskutieren, vielleicht neue Formen auszuprobieren. Das wird momentan zu wenig beachtet.
  
Die zwei Tage mit Kammermusik finden statt am 25. und 26. Juli, jeweils im Florian-Stadl in Kloster Andechs. Am 25. Juli wird um 15 Uhr und um 19 Uhr das Programm „Der Titan & der Altbayer“ gespielt, am 26. Juli um 16 Uhr, um 18 Uhr und um 20 Uhr gibt es drei Konzerte mit je unterschiedlichem Programm, Karten über www.orff-festival.com und unter 0171/8755237

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