Orff Fest in Andechs Wilfried Hiller über "Gisei"

Wilfried Hiller hat viele Jahre eng mit Carl Orff zusammengearbeitet. Foto: Klaus Lipka

Wilfried Hiller über Carl Orffs frühe Oper „Gisei“, die am Donnerstag in Andechs ihre bayerische Erstaufführung erfährt

 

Als 18-Jähriger schrieb Carl Off das Musikdrama „Gisei – Das Opfer“, für ihn selbst rückblickend eine „Entgleisung“, ein „jugendlicher Schiffbruch“. Uraufgeführt wurde der 1913 vollendete Einakter erst vor neun Jahren am Staatstheater Darmstadt und in der engeren Heimat des Komponisten noch nie. Zum Abschluss des Carl Orff Fest Andechs und Ammersee sind ab kommenden Donnerstag drei Aufführungen von „Gisei“ im Florianstadl unterhalb des Klosters Andechs zu sehen, in dessen Kirche der Komponist begraben ist. Hansjörg Albrecht dirigiert die Münchner Symphoniker.

AZ: Herr Hiller, warum hat es so lange gedauert, bis diese Oper auf die Bühne kam?
WILFRIED HILLER: Weil Carl Orff sein gesamtes Frühwerk vor „Carmina Burana“ zurückgezogen hat. Er war der Ansicht, dass das ein Weg der Suche sei, der nur ihn etwas angehe. Allerdings war er weniger konsequent wie andere Komponisten – er hat die Werke nicht vernichtet, sondern aufgehoben.

Wie kam es zu der späten Uraufführung?
Der Dramaturg und Musikwissenschaftler Andreas K. W. Meyer wollte über Orff promovieren und erzählte dem Intendanten und Regisseur John Dew von „Gisei“. Liselotte Orff, die Witwe des Komponisten, erlaubte die Uraufführung im Rahmen eines Orff-Zyklus am Staatstheater Darmstadt. Dew kombinierte „Gisei“ als erstes Bühnenwerk Orffs mit seinem letzten, „De temporum fine Comoedia“.

Wie fand Orff den Stoff?
Das hat mit der Japan-Mode der damaligen Zeit zu tun. Orff bekam 1912 Noten mit japanischer Musik und Bücher zum japanischen Theater geschenkt. Das hat einiges in ihm ausgelöst. „Gisei“ ist Teil eines gewaltigen Epos des japanischen Puppentheaters, das „Terakoya“ heißt und acht Stunden dauert. Orff las die 1900 erschienen deutsche Übersetzung von Karl Florenz und wählte eine Szene aus dem vierten Akt aus, die in faszinierte.

Und worum geht es da?
Um die Opferung eines Kindes. Eine fremde, schwer verständliche Geschichte über Verrat und Sühne, um politische Intrigen und die Spirale von Rache und immer neuen Verbrechen. Auch ein abgeschlagener Kopf kommt vor – Orffs Lieblingsoper war um die Zeit herum nicht umsonst „Salome“.

Klingt die Musik auch nach Richard Strauss?
Mehr nach Debussy und seinem „Pelléas“. Debussy war damals Orffs großes Vorbild, nicht seine damaligen Lehrer Heinrich Kaminsky und Hans Pfitzner. Pfitzner meinte deshalb, als er nach Orff gefragt wurde: „Er war sehr begabt, aber jetzt verkommt er.“

Bei „Gisei“ gibt es sicher noch keine typischen Orff-Instrumente.
Orff hat die Oper für ein normales Symphonieorchester komponiert. Außer einem Gong kommen keine japanischen Instrumente vor. Ungewöhnlich sind ein Klavier und die Glasharmonika, die für Momente des Überirdischen steht. Und drei Saxofone.

Das Japanische hat Orff danach offenbar nicht mehr losgelassen.
Er hat nach einem Gastspiel seiner Antiken-Dramen in Griechenland einmal gesagt: „Selbst wenn es nicht so ist, glaube ich trotzdem daran, dass das japanische No-Theater der letzte Ausläufer des altgriechischen Theaters ist“. Als ich als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk für außereuropäische Musik zuständig war, kam Orff immer zu den Konzerten und tauschte sich mit den Musikern aus, ob das nun buddhistische Mönche oder südafrikanische Trommler waren. Das hat in unglaublich interessiert.

Warum folgt auf „Gisei“ im Konzert ausgerechnet Mozart?
Orff hat gesagt: „Wenn man so alt wird wie ich und sein Leben lang Mozart gehört hat, bleibt am Schluss nur noch einer übrig… Mozart!“ Daher stellen wir die Musik beider Komponisten beim diesjährigen Festival in Beziehung. Nach „Gisei“ spielt die Pianistin Margarita Oganesjan das Klavierkonzert KV 466 in d-moll. Das ist eine Tonart, die Orff sein Leben lang nicht losgelassen hat.

Wird „Gisei“ konzertant oder szenisch aufgeführt?
Florian Zwipf-Zaharia inszeniert. Zu Mozarts Klavierkonzert gibt es außerdem eine Choreografie von Matteo Carvone, einem Tänzer des Gärtnerplatztheaters, der dort in meiner Oper „Momo“ den Meister Hora gespielt hat.

Florianstadl, Kloster Andechs, Donnerstag, 8. August, 19.30 Uhr. Auch am Samstag, 10. August und Sonntag, 11. August, 19 Uhr. Karten von 24 bis 50 Euro online bei Münchenticket, den bekannten Vorverkaufstellen und unter Telefon 54 81 81 81
 

 

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