Orff Fest in Andechs Carl Orffs erste Oper "Gisei" im Florianstadl

Die Münchner Symphoniker bei der Aufführung von Carl Orffs „Gisei“ im Florianstadl von Kloster Andechs. Foto: Marc Gilsdorf/www.marcfoto.de

Carl Orffs erste Oper „Gisei. Das Opfer“ als bayerische Erstaufführung im Florianstadl von Kloster Andechs

 

Wer raten müsste, würde niemals auf Carl Orff kommen. Seine erste Oper erinnert mit ihren eher zarten Mischklängen, gedämpften Trompeten und blockartigen Wirkungen stark an Claude Debussy und dessen „Pelléas“. Oder auch an einen Puccini ohne Kantilenen, weil sich das Singen der Figuren auf ein sprachnahes Arioso beschränkt.

Orff komponierte sein Musikdrama „Gisei. Das Opfer“ 1910 im Alter von 17 Jahren und notierte „Opus 20“ auf dem Titelblatt. Nach dem Erfolg von „Carmina Burana“ zog er 1937 alle Frühwerke zurück. Deshalb kommt das erst 2010 in Darmstadt uraufgeführte Jugendwerk mit starker Verspätung in Orffs engere Heimat: Nach der bayerischen Erstaufführung am Donnerstag wird die Oper am Samstag und Sonntag noch einmal im Florianstadl von Kloster Andechs wiederholt.

Es lohnt sich durchaus, sich diesem Werk auszusetzen, auch wenn die Aufführung alles andere als ideal ist. Der Dirigent Hansjörg Albrecht hat überhaupt kein Gespür für das weiche Sfumato, das über weiten Strecken dieser ruhig fließenden Musik liegen müsste. Er lässt die Münchner Symphoniker derb und laut spielen. Auf die ausgesprochen direkte Akustik des vormals landwirtschaftlich genutzten Gebäudes am Fuß des Klosterhügels nimmt er keine Rücksicht.

Die Risikobereitschaft des jungen Orff teilt sich trotzdem mit. Es orientierte sich ausgerechnet im von Wagner und seinen spätromantischen Nachahmern geprägten München am Franzosen Debussy. Mit kühnem Griff entdeckte der junge Komponist in einem altjapanischen Puppenspiel jene Passage, die dem bei der zeitgenössischen Theateravantgarde in der Nachfolge Maurice Maeterlincks beliebten Einakter am nächsten kam: eine ins Extreme gesteigerte, ausweglose Situation, die von einem Lehrer verlangt, ein Kind zu köpfen.

Mit Mozart aufgemotzt

Wenn der Mann mit dem Schwert zum ersten Mal erscheint, spielt das Orchester ein schräges Kontrafagott-Solo – ähnlich der Stelle in „Salome“, an der sich die Prinzessin entschließt, das Haupt des Jochanaan zu verlangen. Der finsteren Schicksalhaftigkeit seines Erstlings blieb Orff auch durch die Vertonung antiker Dramen ebenso treu wie dem Interesse am stilisierten japanischen Theater.

Die Inszenierung von Florian Zwipf-Zaharia verheddert sich ein wenig in den Widersprüchen aus exotischer Verkleidungen und einer letztlich unspielbaren Handlung. Wackere Mitglieder des Münchner Knabenchors würzen als Schüler Kalligraphie-Übungen mit Prügeleien. Die Sängerinnen Ulrike Malotta und Ezgi Kutlu bemühen sich um eine Wortverständlichkeit, die dem kurzfristig eingesprungenen Raymond Ayers in der Rolle des Lehrers leider nicht gegeben ist – was der Verständlichkeit der ohnehin komplizierten Geschichte nicht gut tut.

Über die Stränge schlagen

Weil das Orff-Fest heuer auch noch Mozart mitfeiert, hatte Hansjörg Albrecht die schlechte Idee, das leise beginnende und leise endende Musikdrama mit dem „Lacrymosa“ aus dem „Requiem“ einzurahmen und aufzudonnern, als brauche der japanische Stoff unbedingt eine Taufe samt christlicher Erlösung. Der junge Orff wollte aber nun mal kein Getöse nach Mord, Totschlag und Verzweiflung, denn sonst hätte er „Gisei“ nicht resignativ in Naturlauten samt einem Klaviersolo verdämmern lassen.

Mehr Mozart gab’s auch vor der knapp 50-minütigen Oper, und zwar passenderweise das finster-dramatische Klavierkonzert in d-moll KV 466. Margarita Oganesjan spielte es konventionell beethovennah und wurde dabei von einer krachenden Pauke und den restlichen Symphonikern unter Albrecht erheblich rustikaler als nötig begleitet. Matteo Carvone choreografierte dazu einen Solisten im Kontrast zu einer kleinen Gruppe, die per Video recht geschickt vergrößert wurde. Die groteske Körpersprache und die Verweigerung aller Mozart-Klischees steigerte den Blutdruck einiger Besucher zu verärgerten Buhs.

Aber wie am Beispiel von „Gisei“ zu sehen ist: Man muss den Mut haben, etwas auszuprobieren, und wo das über die Stränge schlägt, liegt oft das Beste verborgen.
 
Noch einmal Samstag, 10. August, und Sonntag 11. August um 19 Uhr im Florian-Stadl von Kloster Andechs, Karten von 24 bis 50 Euro

 

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