Opernfestspiele im Prinzregententheater Christian Gerhaher singt die Titelrolle in Monteverdis "L'Orfeo" - die AZ-Kritik

Christian Gerhaher als Orfeo in Claudio Monteverdis Oper. Foto: Wilfried Hösl

Christian Gerhaher überwältigt als Titelfigur in Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ bei den Münchner Opernfestspielen

 

Auf der Rolle des Orpheus liegt – gleich, wer diesen Mythos komponiert –, eine unglaubliche Last: Denn der Mensch, der diese Partie verkörpert, muss doch einem zumeist ziemlich verwöhnten Publikum glaubhaft machen, dass selbst die Götter der Unterwelt bei seinem Gesang weich werden, von ihren ehernen Gesetzen abweichen und den Sänger mit seiner Frau in die Welt der Lebenden entlassen.

Christian Gerhaher als Monteverdi’scher Orfeo gehört schon von Anfang an nicht wirklich dazu. Der Regie David Böschs ist es gelungen, das Hochzeitsfest zu Beginn mit Leichtigkeit zu inszenieren. Um den bunten VW-Bus herum entwickelt sich ein Hippie-Leben, das in seiner authentischen Fröhlichkeit überzeugt; es gibt Sekt aus Pappbechern, ungezwungenen Sex und Musik.

Doch selbst Gerhahers Gesang als glücklicher Ehemann in Mitten der Blumenkinder ist ein wenig trauriger als der der anderen. Während die Hirten Mathias Vidal, Jeroen de Vaal, James Hall und Simon Robinson und die hervorragenden Solisten der Zürcher Sing-Akademie ausgelassen ihre Ballette tanzen, singt Gerhaher so leise und zärtlich, ist seine Intonation von so unglaublicher Reinheit, erblüht vor allem die baritonale Höhe in einer so süßen Verletzlichkeit, dass Orfeo von vornherein als Melancholiker gezeichnet wird. Dies ist sein Geheimnis: dass er ohne jedes Forcieren oder mutwilliges Gestalten die Stimme selbst hervortreten lässt und somit selbst die Unterwelt zu rühren vermag.

Da ist es nur folgerichtig, dass die pastose Proserpina der Anna Bonitatibus sich bei ihrem Ehemann Goran Juric als Plutone für Orpheus verwendet. Und selbst der Caronte Tareq Nazmis, dessen mächtiger Bass so gebieterisch erschallt, lässt sich bewegen: allerdings dadurch, dass er einschläft.

Ein Sonderlob gebührt Anna Stéphany, die der allegorischen Doppelrolle als Speranza und Musica Leben einhaucht. Christopher Moulds leitet das prächtige Orchester, bestehend aus dem Monteverdi-Continuo-Ensemble und Mitgliedern des Bayerischen Staatsorchesters, von einem der drei Cembali aus und versteht es, nicht nur einen rauschenden Klang zu erzeugen, sondern das Geschehen immer wieder auf die Stille zurückzuführen, aus der Christian Gerhahers Orfeo seine anrührenden Klagen hören lassen kann.

Wieder am 21. und 23. Juli um 19 Uhr im Prinzregententheater, teure Restkarten unter Telefon 2185 1920

 

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