Operette Turtelnde Pappnasen

Rhythmische Klamauk-Gymnastik: Robert Sellier, Daniel Fiolka, Frances Lucey und Franziska Rabl (von links). Foto: Winfried Rabanus

„Der Mikado”, die Erfolgs-Operette des Duos Gilbert & Sullivan, ist endlich wieder in München zu sehen. Mit toller Musik. Nur geht am Gärtnerplatz britischer Humor im deutschen Kalauer unter

 

Ein Blick ins hauseigene Programmheft würde oft reichen. Die „Mikado”-Regie-Truppe am Gärtnerplatz hätte sich in diesem Fall sogar eine Menge Arbeit erspart: Nerviges wie Heinz-Erhardt-Filme gucken, die anstrengende Witzsuche bei Peter Frankenfeld oder Gunther Philipp. Und das Coaching durch die letzten Überlebenden des ZDF-Fernsehballetts.

Denn auf Seite 17 besagten Büchleins ist über den Librettisten William Schwenck Gilbert zu lesen, dass er „weder derbe Späße, Schabernack, grelle Schminke, rote Pappnasen noch alberne Verballhornungen durch Kostüme und Gestus duldete”. Alles, heißt es weiter, „musste natürlich sein, gesittet und vergnüglich, wobei den Darstellern beigebracht wurde, dadurch Wirkung zu erzielen, dass sie die absurdesten Dinge auf eine vollkommen nüchterne, sachliche Art und Weise sagten und taten”.

Manga-Boy und Straps-Vamp

Rote Pappnasen gab’s keine in Holger Seitz’ Inszenierung der Gilbert&Sullivan-Operette. Dafür manch andere. In neckischen Schulmädchen-uniformen (Kostüme: Sandra Münchow) durften die Chordamen über die Bühne (Peter Engel) hüpfen – frei nach dem zeitweisen Titel des Stücks „Three little Maids from School”. Nanki-Poo (Robert Sellier), das kaiserliche Söhnchen, machte seiner arg quietschigen Angebeteten Yam-Yam (Frances Lucey) den Manga-Boy mit Hütchen – aber stimmlichem Feingefühl. Die unverwüstliche Rita Kapfhammer, ein Vital-Mezzo zum Dauerbusseln, musste als alternder Hof-Vamp Katisha in Strapsen über ihr Ersatz-Gspusi Co-Co alias Gunter Sonneson herfallen. Und die Neuzutat, ein allzu geschwätziger Erzähler (Thomas Peters) mit Handpuppen-Double, erklärte die kleinste Geste wie das schlüpfrigste Detail im Cocktail aus Gel-Gutti-Witzen und Kalauern der Marke knaben-vernaschende Katholenpriester. Was nun wirklich keiner mehr hören mag.

Finessen aus dem Graben

Wenig verwies da auf den trockenen Humor der Briten, und so versumpfte die raffinierte Gesellschaftssatire aus viktorianischer Ära in den schunkelnden Derbheiten des Klamauks. Doch wie singen die Gekreuzigten so schön im „Leben des Brian”? „Always Look on the Bright Side of Life!” Und also blicken wir mit den Monty Pythons, die sinnigerweise auch im Programmheft erscheinen, auf den erquicklichen Teil des Lebens. Und der Aufführung.

Denn dieser „Mikado” hatte famose musikalische Seiten. Flott, präzise und launig wurde unter der Leitung von Benjamin Reiners im Graben gewerkelt, der Chor stand diesen Finessen nicht nach, auch das Gros der Solisten wärmte die Herzkammern. Zu dumm nur, dass das Programmheft wieder mal zu spät aus der Druckerei kam.

„Der Mikado”, heute, 1., 8., 13.12. etc., Tel.21811960

 

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