Oper Rossini als amüsantes Großereignis im Kleinen

Rossinis "La Cenerentola" bleibt auch im Kleinformat charmant. Foto: Kammeroper

Umwerfend gelungen: „La Cenerentola” der Kammeroper München im Hubertussaal

 

Kennen Sie Milos Formans Mozartfilm? Da gibt es die intrigant-feinsinnige Diskussion, ob sich Deutsch als Opernsprache eignet. „Die Zauberflöte” entsteht und die Italo-Fraktion (angeführt von Antonio Salieri) hat das Nachsehen! Was aber, wenn man halsbrecherische Koloraturen jetzt nicht mehr unter A- und O-Rufen singt, sondern deutsche Konsonanten krachen lassen muss?

Dann kommt die wunderbare Tutti-Zeile heraus: „Jetzt weiß keiner mehr, was los ist, weil das Chaos riesengroß ist...” – und danach verdrehen sich zu herausgemeißelten, rollenden „Rs” der gesamte prinzliche Hofstaat und Hausstaat um Angelina wie Gelenkpuppen. Alles ist unfassbar gut koordiniert, obwohl die Regie das Kammerorchester hinter die Sänger-Bühne am Kopf des Hubertussaals gesetzt hat.

An dieser wunderbaren Irrungen-Wirrungen-Szene in Rossinis „Aschenputtel”-Adaption kann man die Stärke dieser Inszenierung der Kammeroper München sehen – und hören: Da ist die reimstarke Übersetzung, ja deutsche Neudichtung des Librettos von Jacopo Ferretti durch Dominik Wilgenbus, der auch Regie führt: nie effekthascherisch witzelnd, sondern geistreich, kunstvoll, hoch amüsant.

Dass er zusätzlich eine Choreografin angeheuert hat, schafft eine hohe, einfallsreiche Bewegungs-Präzision: show-tanzend swingen die Sänger-Darsteller zwischen den weißen Pyramidal-Podesten links und rechts hin und her. Dazwischen ist mühelos ohne weitere Requisiten abwechselnd Gute Stube, Ballsaal, Garten... Überhaupt bekommt der Aufführung die Zurückhaltung bei der Ausstattung gut, weil ohnehin die durchweg guten Sänger ihr komödiantisches Schauspieltalent voll entfalten – ohne je zu Knallchargen zu werden.

Ein weiterer Amüsement-Effekt der Inszenierung besteht in der Freiheit der Geschlechterwahl: Aus Don Magnifico wird hier die märchenhaft-konsequent böse Stiefmutter Donna Magnifica (bassstark gesungen von Erik Ginzburg). Und eine ihrer Töchter (Tisbe) ist der unfassbar mühelos, hoch stimmschöne Countertenor Thomas Lichtenecker. Mit der nicht minderbegabten Bühnen-Schwester (Clorinde: Maria Perlt) ergeben sie ein mitreißendes geld- und status-geiles Intriganten-Trio. Ihre Gegenspielerin, die quasi-heilige Angelina (Irina Nikolskay) hat einen derart koloratursicheren, warm-metallischen Kraft-Sopran, dass man sich um sie eigentlich von Anfang an keine Sorgen machen muss, auch wenn sie als Haushaltshilfe drangsaliert wird. Neben dieser durchsetzungsstarken Cenerentola und der Stiefmutter-Matrone mit den hart bandagierten Konkurrenz-Schwestern sind Prinz (Maximilian Kiener) und Diener (Dániel Foki) stimmzaubernde sympathische Jungs: Die Welt wird – auch in dieser Inszenierung – immer frauen-dominierter.

Das in die Musik elegant hinein-arrangierte Mirimbaphon gibt eine schöne Glockenfärbung, das Akkordeon burleske Fülle, beim akustischen Gewitter sogar ein Piazzolla-Blitz-Gezitter. Das Arrangement von Alexander Krampe, schwungvoll super-präzise dirigiert von Nabil Shehata, macht diese Kammeroper-Inszenierung zu einem Großereignis.

Hubertussaal, Nymphenburg, 19.30 Uhr, Sa, 25. August, bis Do, 13. September, 24 – 52 (gut angelegte) Euro, Tel. 08801/2231, www.kammeroper-muenchen.de

 

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