Oper Hitziges Drama mit Plácido Domingo und Leonie Rysanek

Plácido Domingo, der Marathon-Mann der Oper, hier bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London. Foto: AP

„Cavalleria rusticana” und „Pagliacci” in einem mitreißenden Mitschnitt von 1978 aus dem Nationaltheater

 

Ihr Markenzeichen war der Schrei. Leonie Rysanek (1926 – 1988) verkörperte leidenschaftliche, fürchterliche und zerstörerische Opernfrauen. Ihr erotisches Schaudern beim Auftritt des Fliegenden Holländers wurde so legendär wie ihre Ekstase, wenn Siegmund das Schwert aus der Esche zog.

Ein Rysanek-Schrei ertönte auch 1978 in der Premiere von Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana” im Nationaltheater. Die Sängerin verwandelte die verlassene Santuzza in eine rasende Medea. Im Duett mit Plácido Domingo steigert sich die Sängerin in eine antikische Eifersucht hinein. Ihr Schrei steht natürlich nicht in den Noten, aber der Dirigent Nello Santi legt für diesen Effekt eigens eine Pause mit dem Orchester ein. Dann folgt eine weitere Duettpassage, an deren Ende die Rysanek mit heiserer Wut ihrem verlassenen Geliebten blutige Ostern an den Hals wünscht.

Das ist atemberaubend. Aber der damalige Opernintendant August Everding konnte noch eine zweite große Tragödin aufbieten: Astrid Varnay als Mamma Lucia. Wenn die beiden Sängerinnen schreiend den Tod Turiddus im Messerkampf miterleben, bleibt einem staunend die Luft weg. Mascagni hat diesen Botenbericht eigenlich zwei anonymen Frauen übertragen – aber diese Änderung der Münchner Aufführung ist so stimmig, dass man es nicht mehr anders hören möchte.

Neben der Rysanek, der Varnay und dem noblen Domingo hat die Aufführung noch einen weiteren Star: das Bayerische Staatsorchester. Es spielte unter Santi zwar nicht typisch italienisch, sondern eher kernig, mit kantigen Streichern. Aber diese eher deutsche Gründlichkeit wertet die oft unter Werk verkaufte Musik Mascagnis so symphonisch auf, dass ein Hauch tragischer Größe über dem Geschehen waltet.

Auch nach der Pause ging es in Ruggero Leoncavallos „Pagliacci” hitzig weiter. Die Szenen zwischen Nedda (Teresa Stratas) und Tonio (Benito di Bella) sind wilde Kolportage, Domingo ist ebenfalls in Bestform. Der Klang dieses Premierenmitschnitts ist hervorragend, im Booklet erinnert sich der damalige Chefdramaturg Klaus Schultz an Hintergründe der von Giancarlo del Monaco inszenierten Produktion. Mit dieser CD lassen sich die opernlosen Theaterferien mühelos aushalten.

„Cavalleria rusticana”/„Pagliacci” bei Orfeo d’Or

 

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