Oper Die Liebe zu alten Inszenierungen

Für den zweiten Akt des „Rosenkavaliers“ brachte Jürgen Rose die Amalienburg auf die Bühne des Nationaltheaters. Foto: Wilfried Hösl

Die Liebe zum Bewährten: Der „Rosenkavalier“ von Otto Schenk im Nationaltheater ist zwar abgesetzt – aber die Ausstattung wird aufbewahrt

Es war ein trauriger Tag für viele Opernfans. Zum letzten Mal zeigte die Bayerische Staatsoper im März die legendäre „Rosenkavalier“-Inszenierung von Otto Schenk (Regie) und Jürgen Rose (Ausstattung): allerfeinst gearbeitetes Theater-Rokoko, originalgetreu bis zu den Handschuhen und Knöpfen der Darsteller. Wienerisch wie zur Zeit Maria Theresias, ganz so wie es Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal vorgeschwebt hatte.

195 Mal hob sich für diese Inszenierung der Vorhang im Nationaltheater. Ein Monument der Operngeschichte, bei dessen Premiere der Jahrhundert-Dirigent Carlos Kleiber oder die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender den Programmzettel schmückten. Das ist allerdings nichts gegen jene 600 Mal, die Giacomo Puccinis „Tosca“ an der Wiener Staatsoper auf dem Buckel hat. Fast so etwas wie eine Untote des Opernrepertoires. Am 3. April jährt sich die Premiere dieser berühmten Regiearbeit der österreichischen Tänzerin und Regisseurin Margarethe Wallmann, seinerzeit von Herbert von Karajan dirigiert, zum 60. Mal.

Sie zählt damit zu den ältesten Opern-Inszenierungen im deutschen Sprachraum, getoppt in Wien nur von „Madama Butterfly“ vom September 1957. Noch älter ist wohl nur Hans Schülers Deutung von Richard Wagners „Parsifal“ am Nationaltheater Mannheim, die am 14. April 1957 das Licht der Opernwelt erblickte.

Beliebte Antiquitäten

Eines haben solche Opern-Dauerbrenner gemeinsam: Sie sind beim Publikum äußerst beliebt. „Wir haben Besucher aus aller Welt, die diese ,Tosca’ bei uns sehen wollen“, sagt Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Aber kann man einem modernen Opernpublikum solche Oldtimer in historisierenden Interieurs und ohne krachende Regieeinfälle eigentlich noch zumuten? „In der Bildenden Kunst betrachten wir uns doch auch zeitgenössische Kunst und danach gehen wir in eine Ausstellung mit Bildern des Quattrocento“, so Meyer. Auch der Züricher Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken hat keine Probleme mit Opern-Vintage, im Gegenteil. „Ich habe überhaupt nichts gegen eine Jahrzehnte alte ,Tosca’-Produktion, auch die Schenk’schen ,Rosenkavalier’-Inszenierungen in Wien, München und Düsseldorf besitzen Referenz-Charakter.“

Das eigentliche Problem liege darin, meint Lütteken, „dass es in den letzten Jahrzehnten immer seltener gelungen ist, derartige Referenz-Inszenierungen hervorzubringen“. Genauigkeit beim Umgang mit einem (Opern-)Text sei im übrigen nicht gleichzusetzen mit musealer Erstarrung.

Neben einer gewissermaßen zeitlosen Qualität gibt es noch ganz praktische Gründe, warum Intendanten ihre Oldtimer hegen und pflegen und durchaus nicht wie Altlasten behandeln. „Die Ausstattung unserer ,Tosca’ bleibt immer hier im Haus und ist sehr schnell aufgebaut. Das bringt uns mehr Flexibilität für neue Inszenierungen, die oft einen größeren Aufwand erfordern“, erläutert Meyer.

Das ist auch der Grund, wieso die Uralt-„Butterfly“ der Bayerischen Staatsoper aus den siebziger Jahren nicht längst entsorgt wurde. Nötigenfalls werden die betagten Kulissen runderneuert, um sie an die Erfordernisse des modernen Opernbetriebs anzupassen, wie die Münchner „Zauberflöte“ (Wolfgang Amadeus Mozart) von August Everding (1978), die 2004 aufwändig restauriert wurde.

Manche Inszenierungen altern schneller

Für Fans eines radikalen, politisch-aktuellen Regietheaters mag der detailverliebte Naturalismus eines Otto Schenk ein Graus sein. Umsichtige Opernchefs wie Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, setzen dagegen auf eine bunte Mischung alter und neuer Inszenierungen und ein großes Spektrum künstlerisch-ästhetischer Sichtweisen von textgetreu-historisierend bis avantgardistisch. „Es kann nicht nur Neuproduktionen geben, und wenn eine Aufführung im erzählerischen Sinne sehr nahe an der Geschichte ist, dann hält sie oft sehr lange“, sagt Bachler. Dazu zähle die Münchner „Bohème“ (Puccini) von Otto Schenk. „Sie ist gut gearbeitet, und wenn sie gut besetzt ist, funktioniert sie wunderbar.“

Dagegen scheint die 2007 entstandene, von Kritikern bejubelte Münchner Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ durch Krzysztof Warlikowski mit ihren Anspielungen auf das damals gefeierte Kinodrama „Brokeback Mountain“ mit zwei schwulen Cowboys heute kaum noch verständlich. Anders die Münchner Inszenierung von Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ des genialen Jean-Pierre Ponnelle von 1980 oder die Wiener „Bohème“ von Franco Zeffirelli von 1963, der für seine extrem aufwändigen Produktionen ebenso berühmt wie berüchtigt war.

„Das sind unsere heiligen Kühe“, versichert Meyer, „die schlachtet man nicht.“ Eine gute Nachricht gibt es noch für die Fans des jüngst abgesetzten Münchner Strauss-Oldtimers. Die alten Bühnenbilder, Kostüme und Requisiten von Jürgen Rose sollen auch nach der für 2021 geplanten Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ nicht entsorgt, sondern eingemottet werden.

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„Diese Inszenierung ist eine Besonderheit und sehr eng mit München und der Staatsoper verbunden – sie darf durchaus als Kulturgut des Theaters bezeichnet werden“, sagt Staatsopern-Sprecher Christoph Koch. „Und vielleicht möchte man deshalb das Stück genauso wieder einmal zeigen.“

Denn der künftige Intendant Serge Dorny zeigte 2017 beim „Festival Mémoires“ in Lyon Rekonstruktionen dreier legendärer Inszenierungen: Ruth Berghaus’ Dresdener „Elektra“, Heiner Müllers Bayreuther „Tristan“ und Klaus Michael Grübers „Poppea“ aus Aix.
 

 

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