Olympia-Sieger im AZ-Interview Wolfermann: "Da haben die Spiele ihre Unschuld verloren"

Der schwärzeste Moment der Olympia-Geschichte: Schwer bewaffnete Polizisten versuchen, zu den Terroristen vorzudringen. Foto: imago

1972 begeistert Speerwerfer Klaus Wolfermann in München die Massen. Im AZ-Interview spricht der Olympia-Sieger über seinen ärgsten Konkurrenten und Freund Janis Lusis – und den Terror-Anschlag.

 

AZ: Herr Wolfermann, nehmen Sie uns mit auf eine Zeitreise. Sonntag, 3. September 1972, Münchner Olympiastadion. Ihr fünfter Versuch. Als der Speer Ihre Hand verlässt, was geht Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Klaus Wolfermann: Schon nach den ersten Metern, die der Speer in der Luft war, wusste ich, dass es eine gute Weite werden würde, oder – wie wir Speerwerfer sagen – ein Volltreffer. Der Anlauf, die Energie im Körper, der Wurf selbst, alles hat bei diesem Versuch gestimmt.

Dass es ein Gold-Wurf werden würde, konnten Sie aber noch nicht wissen, immerhin hatte ja der große Janis Lusis noch seinen sechsten Versuch.
Nachdem Janis zuvor nicht über 89 Meter hinausgekommen war, witterte ich meine Chance und bin mit einem verlängerten und schnelleren Anlauf ins Risiko gegangen. Mit Erfolg! Aber klar, Janis war ja noch einmal dran – und vier Jahre zuvor in Mexiko hatte er auch mit dem letzten Versuch Gold gewonnen.

Erst Konkurrenten, dann Freunde: Janis Lusis und Wolfermann

Der Lette, der auch in München als der große Favorit galt, verfehlte Ihre Weite nur um zwei Zentimeter. Direkt nach Ihrem Sieg sind Sie zu ihm hingegangen, was haben Sie ihm gesagt?
Ich wäre mit Bronze oder Silber schon hochzufrieden gewesen. Als ich dann auch für mich selbst überraschend Gold geholt hatte, bin ich zu Janis und habe wie der Sohn zum Vater gesagt: ‚Entschuldige, dass ich gewonnen habe‘.

Wie hat er geantwortet?
Sehr trocken. Er sagte nur: ‚Schade, aber ich habe ja die Goldmedaille schon in Mexiko gewonnen‘.

Aus Ihnen beiden, den großen Konkurrenten der Spiele von München, wurden im Anschluss dicke Freunde.
Das stimmt. Janis und mich hat über Jahrzehnte eine enge Freundschaft verbunden. Ich muss sagen "hat", denn er ist ja leider vor eineinhalb Monaten verstorben (an einem Tumor am Kopf, Anm. d. Red.). Ich stehe aber mit seinem Sohn ständig in Verbindung. Ich wollte auch zur Beerdigung nach Riga, aber das war aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich.

Sie und Ihre Familien haben sich häufig gegenseitig besucht.
Ich war mehrmals bei ihm in Lettland. Aber weil ich gesehen habe, dass es ihm nicht so gut geht, habe ich ihn zuletzt viel öfters zu uns nach Penzberg eingeladen. Das Wichtigste für Janis war, dass wir bei seinen Besuchen fürs erste Abendessen immer in das Restaurant oben im Olympia-Turm gehen (lacht). Das hat er sehr genossen. Er hat dann immer gesagt: ¸Ihr Deutschen seid in der glücklichen Lage, so eine Sportstätte zu haben, die auch Jahrzehnte nach den Olympischen Spielen noch so gut erhalten ist – und die noch lebt.‘

Olympia-Attentat: "Diese innere Freude war natürlich weg"

Dieser legendäre 3. September ging als Goldener Sonntag in die deutsche Leichtathletik-Geschichte ein. In der Nacht zum Dienstag legte sich dann ein dunkler Schatten über die bis dahin so heiteren Spiele. Arabische Terroristen drangen in das Quartier der israelischen Mannschaft ein, am Ende waren elf Geiseln, fünf Geiselnehmer und ein Polizist tot. Wie haben Sie das Olympia-Attentat erlebt?
Ich war direkt nach dem Gewinn der Goldmedaille viel unterwegs auf Terminen und Feierlichkeiten und hatte an diesem Tag bei meinen Schwiegereltern in München übernachtet. Als ich am Morgen von dem Anschlag erfahren habe, bin ich zurück ins Olympische Dorf gefahren, wo ich dann sofort unter Polizeischutz gestellt wurde, denn man nahm an, dass die Olympia-Sieger auch in Gefahr sein könnten.

Die Welt reagierte geschockt, der Sport rückte in den Hintergrund. Konnten Sie sich angesichts dieser dramatischen Vorfälle überhaupt noch über Ihre Goldmedaille freuen?
Diese innere Freude, dieses Halleluja, was mich auch bei meinem Goldwurf hatte springen lassen, das war natürlich weg. Es war irgendwie alles gedämpft, niemand wusste, wie es weitergeht. Die Spiele haben da ihre Unschuld verloren.

Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage erklärte bei der Trauerfeier im Olympiastadion mit seinen berühmten Worten "the games must go on", dass die Spiele weitergehen müssten. Nicht alle Athleten waren damals seiner Meinung. Wie war’s bei Ihnen?
Ich habe natürlich auch überlegt, ob man die Spiele fortsetzen sollte. Aber ich bin dann schnell zu der Entscheidung gekommen: Ja, man muss! Wenn man die Spiele abgebrochen hätte, wäre für die Welt etwas zusammengebrochen, nämlich der Glaube an die Gemeinschaft. Der Sport war und ist auch heute noch der wichtigste Botschafter für diese gemeinsamen Werte. Die olympische Aussage "Die Welt trifft sich" – das hat ja zum Glück heute immer noch Bestand.

Lesen Sie hier: Mark Spitz - Der berühmteste Schnauzer der Olympia-Geschichte

2 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading