Olympia „München ist von vornherein ein positiver Begriff“

Die Eröffnungsfeier in Peking hat Ude gefallen. Ob München das 2018 noch übertrifft? Da lacht der OB: „Mit diesen Dimensionen können und wollen wir gar nicht mithalten.“ Foto: ap

Warum OB Ude sich leicht tut, in Peking für die Spiele 2018 zu werben – und weshalb er entgegen aller Bedenken zur Eröffnungsfeier gegangen ist.

 

Von Florian Kinast

PEKING Christian Ude war völlig falsch. Statt zu Sonja Pfeilschifter in die Schießhalle im Westen fuhr ihn der Fahrer des Deutschen Olympischen Sportbundes aus Versehen in den Nordosten. An die verwaiste Regattastrecke. Weshalb Ude auch viel zu spät am richtigen Ort war und nicht mehr mitbekam, wie die Münchnerin wieder einmal an den Medaillen vorbei ballerte. Ansonsten war Ude in den vergangenen vier Tagen in Peking stets pünktlich. Bei den vielen olympischen Empfängen , wo er bei IOC-Funktionären für die Münchner Bewerbung um die Winterspiele 2018 warb. Bei der Eröffnungsfeier am Freitag. Und am Samstag, beim einstündigen Exklusivgespräch mit der AZ, bei dem er immer noch das Fan-shirt von Pfeilschifters Verein, der „kgl. privil. Hauptschützengesellschaft 1406“ trug.

AZ: Herr Ude, haben Sie sich neulich im Stadion etwas abschauen können für die Eröffnungsfeier 2018 in München?

CHRISTIAN UDE: Nein. Das hielte ich für vermessen. Wir können etwas Sympathisches, Originelles bieten. Mit den Dimensionen, mit denen das Weltreich China aufgetreten ist, können und wollen wir gar nicht mithalten. Dabei empfand ich die Feier sehr bemerkenswert. China hat sich als multi-ethischer Staat dargestellt, mit unterschiedlichen Traditionen, Kostümen und Tänzen.

Das machen olympische Gastgeber bei Eröffnungsfeiern gerne.

Nur hat es hier eine besondere Aussage, dass man die kulturelle Vielfalt zeigt. Wenn man sich vorstellt, dass die heutige Führungsschicht noch miterlebt hat, wie die Roten Garden alles ausgemerzt haben, was nur im Entferntesten an Tradition, an Geschichte, an die früheren Dynastien erinnert hat, dann ist das schon ein unglaublicher Wandel. Man sollte auch solche Entwicklungen würdigen und nicht immer nur mit pedantischem Fleiß nach dem Haar in der Suppe suchen. Man hat hier am Freitag auf alles Martialische verzichtet.

Sie empfanden die Soldaten, die in Militärpomp die Olympische Flagge hissten, nicht martialisch?

Ich musste am Freitag sehr lachen, denn diese Szene geschah just nach dem Moment, in dem ich zu meinen Sitznachbarn sagte, ich sei froh, dass wir bisher noch keinen Stechschritt sahen. Tatsächlich gehört das aber zum olympischen Zeremoniell, dass es die öffentlichen Autoritäten sind, die die Fahne hissen. Das ist doch nur wieder ein treffendes Beispiel dafür, wie wir beim Thema China übersensibilisiert sind.

Im März klang das noch anders. Nach den Unruhen in Tibet im März forderten Sie selbst vom Sport, gegen die Niederschlagung durch das Regime zu protestieren und auch die Eröffnungsfeier zu meiden, da die Zeremonie, so sagten Sie wörtlich, „nur der Inszenierung der Gastgeber“ diene. Und jetzt waren Sie selbst dabei.

Das war kein Appell, ich habe nur vor der Gefahr eines Bürgerkriegs aufgezeigt, welch abgestufte Reaktionen möglich seien, da mir ein Boykott zu überzogen erschien. Aber die Situation ist nicht eskaliert. Zweitens gibt es durchaus positive Entwicklungen. Als ich vor fünf und vor drei Jahren hier war, da war der Geruch hier in Peking noch anders, da roch es nach Chemikalien, jetzt hat die Stadt rauchende und qualmende Fabriken geschlossen und dafür ökologisch extrem aufgeforstet.

Das ändert aber nichts an der Situation der Menschenrechte. Hatten Sie keine Gewissensbisse, zur Eröffnungsfeier zu gehen?

Ich hatte mir das sorgfältig überlegt. Natürlich bin ich mit der Situation noch immer nicht zufrieden. Die Einführung der Meinungsfreiheit in einem Milliardenvolk ist ein langwieriger Prozess. Und jeder, der die Geschichte Tibets kennt, wünscht sich Erfolge und Durchbrüche. Aber den Skeptikern sei gesagt, selbst der Dalai Lama hat immer wieder selber betont, dass China diese Spiele verdient hat. Und tatsächlich verändern sich die Dinge zum Positiven. Das höre ich auch aus den vielen Gesprächen, die ich führe.

Und was hören Sie da, was die Münchner Bewerbung angeht?

Es ist schon fast langweilig, aber München ist von vornherein ein vorurteilsbeladener positiver Begriff. Entweder erinnern sich die Menschen noch an die Spiele von 1972, wobei keiner das olympische Trauma des schrecklichen Attentats den Münchner Veranstaltern anlastet. Oder wenn man mit Jüngeren spricht, dann denken die an das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2006, die Art und Weise wie offen und herzlich sich München gezeigt hat. Keiner hat Zweifel, ob Winterspiele in München bewältigt werden können. Unbestritten ist, dass München einen fabelhaften Rahmen bieten würde.

Das sagt aber noch nichts.

Natürlich nicht. Deswegen hört man manchmal auch die Skepsis: „Seid euch nicht zu sicher“ – was man sich auch sowieso nie sein darf. Dass wir es schaffen können, ist keine Frage, die Frage ist nur, welche Kriterien bei den Delegierten eine Rolle spielen.

Da haben Sie noch viel Arbeit vor sich.

Daher ist das hier auch nicht die letzte Reise. Wir werden die Winterspiele im Februar 2010 in Vancouver erneut als Plattform nutzen und danach vom Status eines Bewerbers in den eines Kandidaten eintreten, dann geht es erst richtig los.

Sie sind sich also sicher, die Vorauswahl zu überstehen und als Candidate City quasi ins Endspiel einziehen.

Ja. Dass wir zu den vier, fünf besten Bewerbern gehören, das halte ich für stabil. Die Ausrichtung Olympischer Spiele wäre ein großartiges Ereignis, es ist doch das einzig funktionierende Treffen der ganzen Welt, wo Völker aller fünf Erdteile in friedlicher Absicht zueinander kommen. Auch wenn man vom Sport nicht erwarten kann, in zwei Wochen die Probleme zu lösen, die die Politik samt ihrer Armeen in Jahrzehnten nicht hat lösen können.

Selbst das hehre Ideal des Olympischen Friedens zählt nichts mehr. In der Nacht, als in Peking die Nationen der Welt einmarschierten, rückten am Kaukasus die Panzer an, im russisch-georgischen Konflikt um Südossetien.

Eine Welt, die nur noch im friedlichen Wettstreit miteinander steht, ist eine andere als die reale mit Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen. Wenn man das Ideal für eine Beschreibung der Wirklichkeit halten würde, wäre man ein hoffnungsloser Idealist. Gerade habe ich wieder eine Fernsehdiskussion gesehen über die mögliche Atomrüstung des Iran und einen möglichen Atomschlag, der wieder mal präventiv sein soll. Da wird doch klar, dass nicht die olympische Welt verrückt ist, sondern die reale.

Also wird uns die heile Welt hier nur vorgegaukelt.

Selbstverständlich ist es Illusion, wenn man die Bilder der Eröffnungsfeier für ein Abbild der Wirklichkeit halten würde, das trifft weder die Realität von Tibet noch die von Abu Ghraib. Aber das Motto der Pekinger Spiele „One World, one dream“ halte ich für die einzige Überlebensstrategie der Menschheit im 21. Jahrhundert. Nicht das Ideal ist schlecht. Die Realität ist erschütternd.

 

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